Liukad #6: Kein Name an der Tür

Eine weitere seltsame Eigenheit hierzulande ist die völlige Ignoranz gegenüber demjenigen, der an einer bestimmten Adresse wohnt. Die Royal Mail hat die Aufgabe, eine Sendung an die angegebene Adresse zu liefen. Egal, ob die dort lebende Person mit dem Namen auf dem Brief übereinstimmt. Klingt komisch, ist aber so.

Es ist wesentlich seltener, dass ein Name an der Türklingel oder an der Wohnungstür steht. Die meisten Mehrfamilienhäuser und Apartmentblocks haben nur Nummern als Klingel. Das heisst entsprechend, dass auf jeden Fall die Wohnungsnummer in der Adresse enthalten sein muss. Manche Häuser haben auch Namen, so dass dies als Angabe ausreicht. Da die Postleitzahlen oft auf eine einzige Strasse hinweisen, reicht es theoretisch, Hausnummer (plus Wohnung) und die Postleitzahl anzugeben und der Brief kommt an!

Normal

Man könnte jetzt denken, dass so Nachsendeaufträge schwer möglich sind, aber irgendwie schafft die Royal Mail das doch. Theoretisch zumindest, ich habe es noch nicht ausprobiert. Soweit ich das verstanden habe, ist das auch kostenlos und auf unbestimmte Zeit. Die Deutsche Post dagegen verkauft nur sechs- oder zwölfmonatige Weiterleitungen.

Anscheinend ist das den meisten Menschen aber nicht bewusst oder egal, denn ich bekomme regelmäßig Post für meine Vormieter. Ich weiß, dass einer eine Fahrschule hat(te), einer ein Kind, das Impfauffrischungen braucht, dass einer keine Kreditkarte von seiner Bank möchte und dass einer demnächst wieder einen kostenlosen Augenuntersuchungstermin wahrnehmen kann[1].

no junk mail

Dieses System hat natürlich Vor- und Nachteile. Einerseits ist es praktisch und bedeutet weniger Verwaltungsaufwand. Wenn ich meine Adresse online angebe, reicht die Postleitzahl und ich kann aus einer Auswahlliste die Hausnummer aussuchen. Bei Umzug kann ich einfach sicherstellen, dass meine Post weitergeleitet wird (s.u.). Auf der anderen Seite muss ich höllisch aufpassen auch ja die richtige Wohnung auszuwählen. Ich vertraue zwar darauf, dass meine Nachbarn bei Falschzustellung mir den Brief übergeben, aber garantieren kann ich das nicht, vor allem da mich nicht alle beim vollen Namen kennen. Und wenn man vergessliche/ignorante Vormieter hatte, bekommt man deren ganze Werbepost und Erinnerungsbriefe. Die Anzahl der Vormieter ist auch recht hoch, da oft umgezogen wird, wie wir schon festgestellt haben.

Da mich die unnötige Post nervt, habe ich einen Tipp befolgt, den ich bei Zero Waste Scotland gefunden habe. Beim Mail Preference Service kann man sich selber von Werbemails abmelden (sofern diese von der Royal Mail befördert werden), vorherige Empfänger abmelden, seine alte Adresse anmelden oder einen Verstorbenen melden. Es dauert zwar bis zu vier Monate, bis das voll durchgreift, aber immerhin gibt es diese Möglichkeit. Ob es tatsächlich wirkt, werde ich ja bald merken.

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  1. Eine Person war sogar noch im Wahlregister eingetragen und ich musste Bescheid geben, dass die Adresse nicht mehr gültig ist. []
Dieser Beitrag ist Teil 6 von 16 der Beitragsserie Leben im UK als Deutscher (Liukad)

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

8 Gedanken zu „Liukad #6: Kein Name an der Tür“

  1. Moment, verstehe ich das richtig, dass die Royal Mail, so langsam sie auch ist, von selbst Post an Verstorbene oder Umgezogene aussortiert, sofern man sie einmal abgemeldet hat? Die deutsche Post macht das nämlich nicht – da kann man zwar den Brief zurückgeben mit Vermerk verstorben oder (un)bekannt verzogen, dann wird der Brief aber nur an den einen betroffenen Versender zurückgeschickt und dann muss man drauf zählen, dass der das dann in seine Datenbank oder sein Adressbuch einträgt und nichts mehr schickt. Wenn dann aber jemand anders was an dieselbe Person schickt, muss man wieder zur Post rennen und den Brief zurücksenden lassen. Und beim nächsten wieder, bis man einmal die ganze Korrespondenz der betroffenen Person durch hat… (Du merkst, ich spreche aus eigener Erfahrung.)

    Und ja, das mit dem Hausnamen ist echt ungewohnt. Ich weiß zwar, dass es prinzipiell sowas auch in manchen deutschen Gegenden gibt (die Verwandtschaft in Ostwestfalen wohnt z.B. in einem Haus mit Hofnamen), aber die deutsche Post interessiert das nicht, sondern das ist eben einheitlich geregelt für alle Häuser. Während ich in britischen Onlineshops schon Adressfelder mit drei Optionen (Hausname, Hausnummer oder Wohnungsnummer) gesehen hab. Wobei, kann es sein, dass man in GB eher noch einen Stamm-Postboten hat und die Royal Mail daher auch davon ausgeht, dass die Postboten sich in ihrem Postbezirk besser auskennen? Hierzulande kommt dagegen ja jedesmal ein anderer Postbote und zwar teilweise von ziemlich weit außerhalb, die wären also hoffnungslos verloren, wenn sie bloß nen Hofnamen (der in aller Regel nicht am Hof dransteht) auf der Adresse stehen hätten.

  2. Wie gesagt, kann ich das bisher nur aus der Theorie bestätigen. Und da es erstaunlich lange dauert, bis das garantiert wird, ist das System nicht so wirklich ausgereift. Ich weiß nicht, wie das logistisch organisiert wird. Aber die Möglichkeit des „return to sender“ gibt es natürlich auch hier. Das ist vor allem bei Arzpraxen zu empfehlen.

    Die Stammpostboten hat man wohl eher in kleineren Gemeinden. Ich habe neulich einen Brief bekommen von „meinem“ Postboten, dass die Routen geändert werden und dass wahrscheinlich jemand anders die Post bringt und evtl. zu anderen Zeiten (lies: weniger Leute arbeiten länger).

  3. Die Sache mit den Hausnamen hat mich schon vor gut zwanzig Jahren irritiert, als ich mich erstmalig mit britischen Adressen (damals von Softwarefirmen) auseinandergesetzt habe. Da muss man ganz schön Knoten im Hirn entwirren wenn man versucht, das deutsche und das britische System überein zu bekommen.

    In Deutschland kenne ich das sonst nur aus ausgesprochenen Ferienorten, z.B. an der Nordseeküste. Da haben die Ferienhäuser ja auch gerne mal Namen wie „Haus Möwe“ oder so. Die kennt der zuständige Inselpostbote dann natürlich und dann kommt das meist auch an. Auch wenn man im Urlaub eher selten Post zugeschickt bekommt.

  4. Wenn sich da nicht kürzlich was geändert hat dann kosten Nachsendeanträge was und sind zeitlich beschränkt. Weiss ich aus Erfahrung.

  5. Immerhin sind es nur Briefe, ich habe mal nach einem Telefonnummerwechsel (Festnetz) ständig Anrufen auf Türkisch bekommen. Als endlich mal einer Deutsch konnte, stellte sich heraus, dass die Nummer Jahre vorher zu einem türkischen Cafe gehörte. 😉
    Gruß
    Fulano
    P.S. Das mit den Hausnamen klingt cool. Wieder was gelernt. Wie heißen Häuser denn so?

  6. @Fulano

    pah, ich habe waehrend meines Studiums in Oldenburg ziemlich regelmaessig Anrufe auf Englisch bekommen. Meistens Soldaten die ihrer Frau/Freundin ihre Liebe schwoeren wollten, aber auch ab und zu Banken die mal schnell ein paar Millionen Pfund transferieren wollten.

    Hat mich eine Weile gekostet bis ich drauf gekommen bin warum das passierte.

    Na, wer weiss was von Deutschland aus die Vorwahlen fuer UK/London und fuer Oldenburg sind?

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