Leben im UK als Deutscher (Liukad) #2: Wohnungssuche

Nachdem der erste Liukad-Beitrag gut ankam und nach mehr verlangt wurde (und die Kommentare jetzt wieder funktionieren), geht es nun mit dem nächsten Thema weiter.

Als ich im Juni hierher gezogen bin, war natürlich meine dringenste Frage die nach einer Wohnung. Die erste Zeit konnte ich günstig über die Uni im Studentenwohnheim wohnen, aber das hatte ich optimistischerweise für maximal einen Monat eingeplant.

Es hat auch tatsächlich geklappt, dass ich nach zwei Wochen schon in meine eigene Wohnung einziehen konnte. Ein bisschen Glück und Kompromiss war allerdings dabei. Mein Vorteil war, dass der turnover[1] die Fluktuation sehr hoch ist. Die durchschnittliche Zeit in einer Mietwohnung ist wesentlich kürzer als in Deutschland. Das hat meiner Meinung nach zwei Hauptgründe: möblierte Wohnungen und kurze Kündigungszeiten. Dazu kommt, dass nicht der Mieter die Maklergebühren zahlt (falls anwendbar), sondern der Vermieter und dann sind auch nur um die £75 für eine erfolgreiche Vermittlung fällig.

Umzugskartons
am Tag nach dem Einzug sah es noch etwas chaotisch aus

Die Suche läuft nach völlig anderen Kriterien, denn die Größe einer Wohnung wird nach Schlafzimmern berechnet, d.h. eine Zweizimmerwohnung wird als „1 bedroom flat“ bezeichnet. Die Grundfläche wird selten angegeben (eher bei Verkauf als bei Vermietung) und einen Grundriss gibt es nur in Ausnahmefällen. Wie soll man denn da wissen, ob die Wohnung geeignet ist? Da hilft nur Anschauen. Das lässt sich zum Glück schnell arrangieren.

Mein Hauptproblem lag in der Möblierung. Darauf bin ich nach 13 Jahren eigene Wohnung nicht eingestellt. Zwar hatte ich einen Teil meiner Möbel verschenkt (Tische, Regale, Schrank), aber Waschmaschine, Bett und Couch brachte ich mit. Das ist hier unvorstellbar, dass jemand eine eigene Waschmaschine hat, denn in jeder Küche ist eine vorhanden. Selbst wenn man ein Haus kauft, ist diese normalerweise mit dabei.

Wohnzimmer
So sieht es aus, wenn ich zum Dinner einlade. Die Ledercouch ist vom Vermieter.

Weiterhin sehr verbreitet sind Nachtspeicherheizungen (meine erhöht gerade die Stromrechnung um 150%), elektrische Duschen und getrenntes warmes und kaltes Wasser. Badezimmer sind die mit Abstand kleinsten Räume und es ist unvorstellbar dass dort die Waschmaschine steht. Doppelverglasung scheint dagegen nicht weit verbreitet zu sein, denn es wird in Anzeigenbeschreibungen immer extra erwähnt.

Den Strom gibt es hier in einer Prepayment-Variante, wo man einen Plastikschlüssel (s. Foto) zum Aufladen hat. Das kann man in der Post, im Laden um die Ecke oder im Supermarkt tun. Das soll garantieren, dass die Stromkonzerne nicht auf den Kosten sitzen bleiben, wenn die Kunden nicht zahlen können. Paradoxerweise sind die Preise für prepayment höher, weswegen ich jetzt einen normalen Stromzähler habe. Ärgerlicherweise muss man den Wechsel bezahlen.

Stromschlüssel
Man kann maximal £49 aufladen.

Zurück zur Suche. Wenn man sich für eine Wohnung entschieden hat, muss man sich bewerben und sowohl finanziell als auch charakterlich beweisen, dass man ein guter Mieter wäre. Die finanzielle Absicherung ist auch in Deutschland üblich, aber dass man mindestens zwei vorherige Vermieter und einen (nicht verwandten) Charakterzeugen angeben muss, ist nicht üblich. Oder hat das schon mal jemand erlebt?

Die Aussagen des Charakterzeugen reichen allerdings nicht aus, denn man muss sich weiter beweisen. Es gibt Inspektionen alle paar Monate, um zu schauen, ob man die Wohnung nicht in einen Saustall verwandelt und/oder völlig demoliert. Ich scheine beim ersten Mal einen guten Eindruck gemacht zu haben, denn meine Anfrage nach dem Austausch eines Fensterglases wurde auf Kosten des Vermieters durchgeführt.

Aussicht
Immerhin habe ich eine wundervolle Aussicht auf Arthur’s Seat

Schon knapp 600 Wörter und ich habe noch nicht einmal die horrenden Preise erwähnt. Da die Lebenshaltung in Großbritannien generell wesentlich teurer ist, lasse ich das mal. Aber auf den Council Tax werde ich sicherlich noch mal zu sprechen kommen.

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Dieser Beitrag ist Teil 2 von 16 der Beitragsserie Leben im UK als Deutscher (Liukad)

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

19 Gedanken zu „Leben im UK als Deutscher (Liukad) #2: Wohnungssuche“

  1. Danke für den spannenden Artikel (oh, ich klinge wie so ein Spammer). Aber ernsthaft, total interessant. Hätte nicht gedacht, dass das da drüben so anders ist als bei uns. Prepaid-Strom? Charakterzeugen? Regelmäßige Inspektionen? Klingt schon alles sehr fremd.

  2. Ja, das war auch alles neu für mich. Meine alte Vermieterin hatte ich schon vorgewarnt, aber sie war wohl doch sehr verwirrt, als die Wohnungsverwaltung bei ihr anrief 😀

  3. Vielleicht Durchsatz für turnover? Egal.

    Wenn ich in GB bin, frage ich mich regelmäßig, wieso dieses Land den Einhebelhahn verpennt hat. Echt, dass man einerseits Strom zum Duschen braucht (und wehe dem, der das Strippchen für den Stromschalter der Dusche früh nicht findet) und andererseits noch immer getrennte Wasserhähne an Waschbecken nutzt (die selbst in der DDR schon seit den 80ern ausgestorben waren), passt irgendwie nicht zusammen. Vielleicht sollte man mal einen großangelegten kulturellen Austausch machen – ihr bringt uns das mit den Kreisverkehren bei, wir zeigen euch, was bei Badarmaturen der Stand der Technik ist.

    Und Charakterzeugen. Das ist ja noch schlimmer als Mieten in Frankreich.

  4. Ganz ehrlich: Dass Wohnungen / Häuser möbliert vermietet werden, finde ich sehr sympathisch. In Deutschland nervt es mich eher, wenn der Vormieter aber auch wirklich alles entfernt hat, am besten noch die Glühbirnenfassung von der Decke. Jeder Mieter schraubt seine eigenen Gardinenstangen an, und wehe die Einbauküche aus der vorletzten Wohnung passt nicht. Das fand ich in UK dagegen sehr entspannt. Als wir unser Haus mieteten, war eine Couch drin, ein paar Regale, ein (furchtbares) Bett, ein Kleiderschrank, Gardinen, eine komplette Küche und natürlich Waschmaschine und Trockner. Gerade zu letzteren habe ich keine emotionale Beziehung, der Kram soll da sein und funktionieren. 😉

    Getrenntes Kalt- und Warmwasser fand ich dagegen unterirdisch. Das geht gar nicht, vor allem weil man dann ja nur die Auswahl zwischen freezing und boiling hat.

    Preisfrage zum Thema Bad: Hast Du da Teppichboden drin? Haben wir tatsächlich desöfteren gesehen, zum Glück nicht bei uns.

    Und zum Thema Wohnungssuche: Was ich als sehr befremdlich empfand, war die Einstellung der Letting Agents zum Thema Privatsphäre. Theoretisch müssen sie eine Besichtigung 24 h vorher ankündigen, aber dann wird auch einfach besichtigt, egal ob die Bewohner zu Hause sind oder nicht. In Deutschland wäre es, soweit ich informiert bin, für den Vermieter nicht mal legal, noch einen Schlüssel zu haben.

  5. Wenn man darauf eingestellt ist, ist alles praktisch 🙂 Meines Wissens muss in Deutschland zumindest eine Glühbirne vorhanden sein. Das mit der Einbauküche finde ich sehr praktisch. Aber bei Lampen und Vorhänge bist du dem Geschmack des Vermieters ausgeliefert. Meine Lampen sind schrecklich.
    Und meine Waschmaschine habe ich mit Sorgfalt ausgewählt, dass sie die richtigen Eigenschaften hat. Bei der vom Vermieter fehlen mir einige davon.
    Einen Tag vor der Inspektion habe ich eine SMS bekommen, dass sie vorbeikommen. Der Typ schien überrascht, dass ich da war. Und ja, ich finde es seltsam, dass die Agency einen Schlüssel hat. Da ich mich in Deutschland mal teuer ausgeschlossen habe, sehe ich das aber eher als Vorteil.

  6. Oh, ganz vergessen: nein, mein Bad hat keinen Teppich, aber das habe ich schon gesehen.
    Und in einem alten Bett schlafen?! Matratzen sind sehr wichtig und persönlich! Die zwei vorhandenen Betten habe ich vorher abholen lassen.

  7. muerps, das mit dem Kulturaustausch ist eine sehr gute Idee!

    Neben den Wasserhaehnen haette ich gerne noch Fenster. Das Haus, in dem ich wohne wurde 1999 gebaut und die Fenster aehneln denen aus den 1960ern in Deutschland.

  8. Also das mit diesem Stromding finde ich doch reichlich seltsam, aber die Idee dahinter ist ok. Bin gespannt, wie Deine Artikel weitergehen

  9. Ja, das mit den Fenstern ist auch so ne Sache. Abgesehen von der nicht vorhandenen Mehrfachverglasung sind die Öffnungsmechanismen auch immer so ne Sache. Also am besten vorm Umzug nach GB nen deutschen Klempner heiraten und nen Fensterinstallateur finden, der einem einen Gefallen schuldet.

  10. Prepayment-Strom?! D.h. ich kaufe im Kiosk so nes stick, döpsel den zu hause in meinen Stromkasten und habe dann für 49Pfund Strom?! Und wenn der dann alle ist, dann geht einfach alles aus?! Krass, das habe ich ja noch nie gehört!

  11. Heuni und kamil, das mit dem Prepayment-Strom verarbeite ich noch zu einem eigenen Eintrag (passt nicht ganz in die Reihe, deswegen wahrscheinlich extra). Das war eine komplizierte Geschichte mit viel Hin und Her.

    Den Schluessel bekommt man vom Stromanbieter und der wird in den Stromzaehler gesteckt. Zum Aufladen bringt man den Schluessel zu einem Paypoint. Wenn das Guthaben alle ist, geht das Licht aus. Allerdings hat man im Notfall £5 Kredit und es wird nicht ueber Nacht oder am Wochenende abgeschaltet. Manche Leute kaufen nur £5, weil sie nicht mehr haben – habe ich alles schon gesehen.
    Das Interessante ist, dass diese Art Stromzaehler wesentlich moderner sind, d.h. die koennen vom Stromanbieter ausgelesen werden (Verbrauch, Kredit), waehrend die die Standard-Stromzaehler (direct debit) noch die alten mit Drehscheibe sind. Guckstu hier: http://49suns.de/wp-content/uploads/2012/11/stromzaehler.jpg

  12. Das Elektrische an der Dusche ist die Wassererwärmung, oder? Na hoffentlich ist das hinreichend wasserdicht…

    Und was turnover betrifft, schließ ich mich Markus B.s Fluktuation an.

  13. Ja, das Warmwasser muss nicht mal eingeschaltet sein, damit die Dusche funktioniert. Aber wie schon in einem anderen Kommentar erwähnt, darfst du nicht vergessen, die Strippe zu ziehen, sonst kommt kein Wasser. Und danach schön wieder ausmachen!

  14. Ist das alles kompliziert; da kann ich ja froh sein, dass ich mit 80 Jahren nicht mehr „auswandern“ muss und wir uns seit 48 Jahren in München in unserer Wohnung in München wohl fühlen können – ohne Stromstress etc.

  15. Prepaid Strom halte ich fuer eher selten, ist mir hier in 15 Jahren nur ein einziges Mal untergekommen. Die meisten sind einfache Stromzaehler und fertig.
    Moebliert ist heutzutage eigentlich auch eher selten, unter anderem weil die Regelungen bezueglich Feuersicherheit und aehnlichem stark angezogen wurden. Nur die Kueche ist normalerweise komplett, d.h. einschliesslich Kuehlschrank und Waschmaschine. Auch Deckenlampen sind normalerweise da. Aber sonst ist heutzutage der Rest eher unmoebliert.
    Die Nachtspeicherheizungen (Mistdinger) sind eher in Wohnungen, Haeuser sind eher Gas. Oel gibt’s selten, am ehesten auf dem Land.

  16. Armin, danke für deinen Kommentar und natürlich muss ich meine Positionen verteidigen:
    1) 2010 hatten ca 13% aller Haushalte im UK einen Prepayment Meter, entweder Gas und/oder Strom. Das halte ich für nicht ganz so selten.
    2) Als ich gesucht habe waren mindestens 3/4 der Wohnungen möbliert. In den Agencies sagte man mir, wenn ich auf unmöbliert bestehe, ist es unwahrscheinlich, dass ich schnell eine Wohnung finde.
    3) Zu den Nachtspeicherheizungen hatte ich mal recherchiert, dass die in Deutschland seit den 70ern praktisch nicht mehr verbaut wurden. 2004 waren sie noch in ca 4% und 2008 noch in ca 2,5% der Haushalte vorhanden (W mehr als E). In England (keine Zahlen zu Schottland gefunden) waren es 2001 noch 14% und eher in gemieteten Objekten als gekauften, eher in Wohnungen als in Häusern. Das Haus, in dem ich wohne ist von 1999. In Deutschland wäre das sehr wahrscheinlich mit Zentralheizung ausgestattet worden.

  17. Oder andersherum:
    1) 87% der Haushalte haben keinen Prepaid. Halte ich fuer eine ueberwaeltigende Mehrheit 😉
    2) Echt? Vielleicht sind die Regelungen (Hauskauf ist definitiv sehr anders) oder der Markt in Schottland und/oder Edinburgh anders. Ohne Zahlen zu haben ist mein Eindruck das hier in England inzwischen (frueher war das anders) unmoebliert ueberwiegt.
    3) Da sind wir uns einig, eher in Wohnungen und leider auch heute noch. Meine Wohnung ist glaube ich auch so spaete 90er und hat auch diese Mistdinger. Noch viel schlimmer, im Bad gibt’s nur so einen schwachbruestigen Heizluefter, sehr nett wenn man in einer Winternacht mal auf’s Klo muss…

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