Albumkritik: The Walkabouts – Travels in the Dustland

The Walkabouts - Travels in the DustlandEin Album, das thematisch wie stimmungstechnisch nach unerträglicher Hitze, gleißender Sonne und zermürbender Trockenheit klingt, hört man am besten bei Temperaturen knapp über Null, während man im Dunkeln durch den Nebel radelt. Oder so ähnlich.

Abgesehen davon ist Travels in the Dustland ein sehr zeitloses Album, denn es klingt nach undefinierbarem Jahrzehnt und als ob es sich nicht darum schert, welches Jahr wir haben. Am ehesten könnte man es noch in den gemütlichen Rock der 70er reinpacken, aber der männliche Gesangspart (Chris Eckman) klingt eher nach einem 80er-Elvis Costello. Und die Country-Anleihen könnte man den American Recordings aus den 90ern zuordnen. Warum das alles in dieses Jahrtausend passt, muss der geneigte Hörer selber herausfinden. Jedenfalls dürften die Walkabouts schon länger aktiv sein, als der durchschnittliche Blogleser atmet oder zumindest lesen kann und so hat diese Zeitreise durchaus ihre Berechtigung.

Wir haben es hier mit einem fast-Fibonacci-Album zu tun, d.h. es ist in vier Teile gegliedert, die 5, 3, 2 und 1 Song beinhalten (es fehlt der letzte, einzelne Song, dann wäre es tatsächlich ein Fibonacci-Album). Um zum Thema zurückzukommen, konzentrieren wir uns auf die Texte. Wie der Titel I. Home & Beyond andeutet, geht es erst um Heimat, Entfliehen und Fremde – alles in Bezug auf die namensgebenden Dustlands. Beim II. Crossing Broken Ground wird lamentiert über den ausbleibenden Regen, brennende Flüsse und die Leere. Ins Gegenteil gekehrt wird diese Stimmung in III. A Lifting, wo wir auf Liebe treffen (tolle Zeile: I’ll be your day of rest // Put on your Sunday best) in Zeiten des Elends. Das hat schon fast Züge von Springsteen. Den Abschluss bildet IV. Dusk, Stones, Silence mit einem leisen, entgleitenden Abschied.

Musikalisch kann man das wie gesagt im folkigen Rock verorten und der abwechselnde und/oder harmonisierende weibliche und männliche Gesang sorgt für angenehme Auflockerung. Die Stimmung ist eher gedrückt und deprimierend, aber zwischendurch blitzt die Hoffnung und ein schwungvoller Beat auf. Auch wenn es thematisch zum Sommer passt, so eignet sich das Album eher für einen gemütlichen Winterabend am (nicht vorhandenen) Kamin. Tolles Timing also, dass das Album am letzten Freitag erschienen ist.

Bei der Verpackung gibt es Licht und Schatten. Das Digipack fühlt sich toll an, genau die richtige Stufe Rauheit der Pappe und viele Infos zu Mitwirkenden (z.B. dass das Streichorchester Apollon Chamber heißt und dass noch jemand außer Carla Togerson der/die/das Kalimba gespielt hat). Das Booklet ist leicht beschichtet und enthält vorbildlicherweise alle Texte in lesbarer Form. Aber – und jetzt kommt das dicke ABER: das Booklet ist eingeklebt! So muss ich zum Lesen das komplette dreitelige Digipack inkl. Plastikform für die CD mit auf die Couch nehmen. Das Ding klappt mir ja immer ins Gesicht! Es ist bewunderswert, dass man jedem Ausleiher aus der Stadtbücherei in den Genuss der Texte kommen lassen möchte, aber den normalen Käufer stört das. Bitte beim nächsten Mal zum Rausnehmen!

Wer Spotify hat, kann das Album hier anhören. Bei Gefallen sollte der geneigte Hörer zur CD greifen oder bis nächsten Freitag warten, wenn die Digitalversion erscheint.

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker