GSC 2011 – Startnummer 22: Serbien

Serbien (GSC 22)Mit einem Sprung quer über Europa hinweg landen wir in Serbien, das wortreich von adastra vertreten wird. Deswegen geht es ohne Umschweife zu ihrem Beitrag.

Serbien ist ein „junges“ Land im Herzen des Balkans, über dessen Geschichte, auch im musikalischen Sinne, ich bereits ausführlich in meinem Vorentscheid berichtet habe. Und der fiel eindeutig aus – von 9 Personen die abgestimmt haben, stimmten 4 für die Balkan Reggae Ska Band „Trovači“ mit dem Song „Paradies“. Dicht gefolgt wurden sie mit der „Von Herzem“ (Od Srca) kommenden Roma-Blasmusik vom „Boban Marković Orkestar“ und dem „verschlafenen Belgrad“ (Beograd spava) von der leicht esoterisch-atmosphärischen Band „Block Out“. Diese drei waren auch meine Favoriten (obwohl ich Riblja Čorba und Idoli auch sehr gut finde), und da ich mich selbst nicht entscheiden können würde, werde ich hier nun tatsächlich Trovači ins Rennen schicken.

Aber moment mal, ein deutschsprachiges Lied von einer angeblich serbischen Band? „Wie geht das denn?“, werden sich jetzt viele Leser fragen. Wie schon im Vorentscheid-Artikel erwähnt ist es ein wenig kompliziert „Serbien“ zu definieren, da Serbien bis vor fünf Jahren 100 Jahre lang nur in Verbundsstaaten existierte, eine Tatsache die dafür sorgt das ein beachtlicher Teil der serbischen Bevölkerung eher als „jugoslawisch“ bezeichnet werden sollte, nicht als „serbisch“. Und genau das sind Trovači – eine Band deren Mitglieder zwar lange in der jetzt-serbischen (damals-jugoslawischen) Hauptstadt Belgrad gelebt haben, die sich aber fast alle nicht als „Serben“ sondern als „Jugos“ bezeichnen können und wollen.

Sänger, Gitarrist und Chef der Band Danko Rabrenović kam Anfang der 90er als Flüchtling vor dem Jugoslawienkrieg nach Deutschland, da er aus einer serbisch-kroatischen Mischehe stammt, die restlichen Bandmitglieder haben ähnliche Hintergründe. Heute haben sie sich allesamt in der diesjährigen Eurovision-Stadt Düsseldorf heimisch gemacht. Müssten sie dann nicht eigentlich nicht als deutsche Band antreten? Auch hier haben wir das selbe Problem wie mit der „serbischen“ Definition – eigentlich sind sie ja keine richtigen Deutschen, da sie keine deutsche Staatsbürgerschaft haben (eine Diskussion die irgendwann in Xenophobie abschweifen würde). Dennoch haben Trovači selbst mal versucht für Deutschland beim echten Eurovision Song Contest anzutreten, als dieser in Belgrad stattfand – erfolglos.

Trovači wurden 2003 gegründet, der Name bedeutet wörtlich übersetzt „Vergifter“ ist aber auch ein Ausdruck für jemanden der gut flirten kann. Zudem hat der Name eine große Ähnlichkeit mit dem serbischen Wort „Trubači“, eine Bezeichnung für die Roma-Blaskapellen. Diese traditionellen Einflüsse hört man oft aus den mal punkig-rockigen, mal chillig-reggaegen Trovači-Songs heraus. Obwohl sie hauptsächlich auf serbisch/kroatisch singen, gibt es hier und da auf ihren Alben auch mal ein deutschsprachiges Lied – darunter auch der nachfolgende Finalist für den GSC, „Paradies“.

Wer auf den Geschmack gekommen ist, dem kann ich die Website empfehlen wo man sich die Alben direkt von der Band bestellen kann. Wer sich generell für Ex-Jugoslawien und den restlichen Balkan interessiert, dem kann ich auch das Buch „Balkanizer – Ein Jugo in Deutschland“ von Bandchef Danko Rabrenović empfehlen, ein kleines amüsantes Sammelsorium an Anekdoten über das Leben als jugoslawischer Immigrant in Deutschland, und die kulturellen Differenzen auf die man dabei so stößt. Das Buch ist nicht allein auf den Autor bezogen, da Danko auch als Radiomoderator der Sendung „Balkanizer“ im Funkhaus Europa arbeitet, in der er jede Woche einen Menschen mit Bezug zum Balkan interviewt und somit viele Geschichten auf Lager hat. Zudem bekommt man mal einen kleinen Einblick in das immer-aktuelle Thema Integration, und wie lächerlich dies von den deutschen Behörden verwaltet wird.

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

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