Serienkritik: Luther (BBC, 2010)

Mit dem pathetischen, aber doch passenden Untertitel „What if you were on the devil’s side without knowing it?“ bekommen wir mal wieder erstklassige Unterhaltung von der Insel präsentiert. Die sechsteile Krimi-Thriller-Drama-Serie Luther lief im Mai und Juni auf BBC und ist schon auf DVD erhältlich.

Worum geht es? John Luther ist Polizeiinspektor (DCI) in London, der vor allem mit Gehinschmalz seine Mordfälle löst. Doch im Jahr 2010 geht das nicht ohne Konflikte und innere Dämonen. Wir treffen auf Luther als er einen Pädophilen verfolgt und aus großer Höhe mehr oder weniger absichtlich abstürzen lässt, um ein kleines Mädchen zu finden. Daraufhin erleidet er einen Nervenzusammenbruch und so richtig los geht es ein halbes Jahr später, als praktisch sein komplettes Leben in Scherben liegt und nur der Job dem noch Sinn geben kann. Luthers zerstörte Ehe, der Kinderschänder, der jeden Moment aus dem Koma aufwachen kann und ein Physikgenie, die ihre Eltern unbeweisbar getötet hat werden in der ersten Folge vorgestellt und bleiben bis zum Schluss immer mehr oder weniger im Hintergrund präsent.

Luther-Vorspann

Womit ungefähr vergleichbar? Alle sechs Folgen wurden von Neil Cross geschrieben, der vorher einige Drehbücher für Spooks verfasste. In der auf der DVD enthaltenen Dokumentation erzählt er, dass er die beiden typischen Polizeidramen verbinden wollte: Genie löst alle Fälle durch Kombinationsgabe (Miss Marple, Sherlock Holmes) und der gebrochene Held mit dunklen Seiten (Philip Marlowe). Dazu kommt der Columbo-Faktor, d.h. der Zuschauer sieht am Anfang, wer der Täter ist und kann mitverfolgen, wie er geschnappt wird.

Wer ist dabei? Hauptdarsteller ist Idris Elba, den die meisten wahrscheinlich aus The Wire, The Office (US) oder RocknRolla kennen. Er hat eine unglaubliche Ausstrahlung und arbeitet fantastisch mit seiner Stimme. Durch ihn wird das Genie und der Wahnsinn von Luther greifbar. Er meistert die leisen Stellen ebenso wie die Wutausbrüche und die teilweise moralisch fragwürdigen Handlungen bringt er so rüber, dass man es für richtig hält – zumindest beim zweiten Ansehen und Nachdenken darüber, wie man sonst hätte handeln können/sollen/dürfen/müssen.

Luther Framing

Des Weiteren spielt eine ganze Riege großartiger Schauspieler mit, die dem britischen Serienfan garantiert schon öfter untergekommen sind. Von der regulären Besetzung haben fast alle mal bei Spooks mitgespielt und natürlich begegnen wir wieder Doctor Who mit dem achten Doktor persönlich und Indira „Suzie“ Varma aus Torchwood. Da auch noch kurz „Tyres“ aus Spaced auftaucht, gibt das wunderbares Futter für tobis Diagramm. Erfreulicherweise gibt es einige starke Frauenrollen, neben der angesprochenen (Ex-)Frau und dem psychopathischen Physikgenie ist da noch Luthers Chefin, die ihn gegen allen Rat wieder in ihre Abteilung geholt hat.

Eine weitere Erwähnung verdient die Regie, die mit dem sogenannten „Luther Framing“ interessante neue Wege geht. Dabei werden die Figuren in eine untere Ecke gesetzt oder durch verschiedene Glasscheiben gesehen und machen so den Zuschauer auf deren bzw. andere Sichtweisen aufmerksam. Die Musik ist ebenfalls exzellent, vom Titelsong Paradise Circus von Massive Attack bis hin zum Abschlusssong jeder Folge.

Wie entwickelt sich die Serie? Die ersten vier Folgen behandeln ungewöhnliche Fälle und es wird wenig, aber an effektiven Stellen Blut eingesetzt[1]. In der fünften Folge wendet sich das Blatt und es mehren sich die Hinweise auf ein internes Problem, das im Finale zur Haupthandlung wird. Beim ersten Ansehen war ich ein bisschen enttäuscht von dieser Wendung, denn das war typisches Polizeidrama und vorhersehbar. Doch bei der zweiten Sichtung konnte ich mich besser damit anfreunden und einige Herausstellungsmerkmale ausmachen. Das Ende ist halboffen und der letzte Satz „Now what?“ lässt den Zuschauer zwar eingermaßen ratlos zurück, aber mit der Hoffnung, dass es eine Fortsetzung geben könnte.

Mehr Informationen? Alle Webseiten zur Serie enthalten Hinweise auf die fortlaufende Handlung, deswegen empfehle ich nur sehr vorsichtiges Vorbeischauen bei BBC, Wikipedia, IMDb und tv.com. Ebenso spoilerfreudig sind einige Kritiken bei Amazon UK [Partnerlink], wo es die Doppel-DVD für £13,15 gibt. Leider sind außer einer halbstündigen Dokumentation (und Untertiteln) keine weiteren Extras enthalten. Aber immerhin ist der Preis schon gefallen, denn ich habe vor einem Monat noch zwei Pfund mehr bezahlt.

Fazit: Ein empfehlenswertes Drama, das zumindest größtenteils anders ist und das ich Fans von britschen Serien allgemein und Krimiserien im Besonderen ans Herz legen würde.

Mein Dank geht an den Wortvogel, der mich auf diese Serie aufmerksam machte.

  1. Die dritte Folge hatte bei der Ausstrahlung einen Hinweis am Anfang für zarte Gemüter und der war mehr als gerechtfertigt. []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

12 Gedanken zu „Serienkritik: Luther (BBC, 2010)“

  1. Hört sich ganz nach meinem Geschmack an und wenn die Serie auf dem deutschen Markt ist, werde ich sie mir sofort einverleiben.

  2. Heuni, da kannst du lange warten! Es schaffen ja nur ein Bruchteil der Serien den Sprung über den Kanal und dann auch nur ins Nachtprogramm von Arte oder ZDF neo.
    Du kannst doch genug Englisch, um das im Orginal zu schauen, oder? Und wenn nicht, wird es Zeit 😉

    tobi, der hat in einer ganzen Menge fantastischer Serien mitgespielt. Bin gerade dabei, meine Sammlung aufzustocken. Aber als Einstieg empfehle ich dir den grandiosen Kultfilm Withnail And I: 20th Anniversary Edition (falls du den noch nicht kennst).

  3. Aha, das ist ne Krimi-Serie. Beim Namen ‚Luther‘ hätte ich was anderes erwartet. Wenn der Namen bei IMDb aufgetaucht wäre, dann würde ich das wahrscheinlich kein Blick drauf werfen.

    @tobi. *orakel* deine Serien-Vernetzungs-Übersicht wird irgendwann in einem schwarzen Knäuel enden. =)

  4. Hmm, schade. Sehe Serien lieber auf deutsch. Aber wenn Luther gar nicht rauskommt, dann schaue ich das mal auf englisch.

  5. Gamlor, deswegen habe ich jegliche andere Interpretation auch vermieden 🙂 Wenn man danach sucht, kommt immer diese Serie als erstes Ergebnis.

    Heuni, auf englisch hast du viel mehr Auswahl, musst nicht so lange warten und die Inhalte verlieren nicht an Qualität, Sinn und Humor. Außerdem sind britische Serien für den ausländischen Markt meistens um 10-15 Minuten gekürzt und sind mindestens doppelt so teuer.

  6. Danke für die Serienvorstellung! Ja, das klingt spannend, allerdings auch nicht direkt nach einer entspannten Serie nach einem langen Arbeitstag. 😉 Muss ich mal schauen, ob das demnächst mal in unseren schon vollen Serienplan reinpasst. Die Briten machen ja wenigstens nicht so lange Staffeln, so dass man da nicht jedes Mal Wochen für braucht.

  7. damit dürftest du der erste sein, der die „länge“ der britischen serien als positiv betrachtet johannes 😉

  8. Stimmt auch wieder, wenn man sich erst mal reingeschaut hat und die Serie gefällt, ist sie immer viel zu schnell wieder vorbei. Und „Doctor Who“ kriegt dabei ja noch richtig viele Episoden, viele andere Serien sind echt nach sechs Folgen schon wieder vorbei. Aber zum Ausprobieren neuer Serien ist das nicht schlecht. Bei amerikanischen Serien mit über 20 Episoden muss man halt doch ganz schön Zeit investieren nur um mal reinzuschauen.

  9. Johannes, für die Serie sollte man schon eine oder maximal zwei längere Sitzungen einplanen 🙂 Und zum Abschalten ist die definitiv nicht geeignet.

    Stichwort Länge der Serien: Natürlich hat das den Nachteil, dass es schnell vorbei ist. Aber es heißt umgekehrt auch, dass man mehr haben möchte und sich nicht satt gesehen hat, was mir bei vielen amerikansichen Serien so ging. Ich habe einige Jahre überhaupt keine US-Serien gesehen, weil mir die irgendwann alle zu sehr ausgereizt waren.
    Kurze und oft wenige Staffeln bedeuten für die Macher, dass sie sich auf die besten Ideen konzentrieren müssen und außerdem keine zehn Folgen Zeit haben, den Zuschauer zu überzeugen.
    Das hat zudem den Vorteil für mich als Zuschauer, dass ich viel mehr Serien schauen kann 🙂 Eine Mini-Serie bietet die Möglichkeit, ausführliche Charakterisierungen und komplizierte Plots zu haben, im Gegensatz zu einem zweistündigen Film und das ist für mich einfach ideal.

  10. Es gibt definitiv US-Serien, die ich aufgegeben habe, weil sich eine belanglose Episode an die nächste reihte, ohne dass die Serie sich als Ganzes mal irgendwohin bewegen würde. „Andromeda“ z.B., wo ja eine Rahmenhandlung vorgesehen war, aber einfach nichts passierte. „Akte X“ hat das gleiche auf die Spitze getrieben. Und „Six Feet Under“ sumpfte auch ohne echte Charakterentwicklung vor sich hin, furchtbar. Das ist bei so kurzen Staffeln tatsächlich einfacher, da erwartet man auch nicht ganz so viel an Entwicklung und Plot, kriegt aber oft doch eine ganze Menge.

    Aus Interesse, hast Du „Survivors“ gesehen?

Kommentare sind geschlossen.