Buch(nicht)empfehlung: Jon Savage – England’s Dreaming (The Sex Pistols and Punk Rock)

Jon Savage - England's DreamingNach dem Tod von Malcolm McLaren im April gibt es keinen besseren Zeitpunkt, um das Buch England’s Dreaming von Jon Savage zu lesen, das die Entstehungsgeschichte der Sex Pistols beschreibt. Angepriesen als die Sicht des Managers McLaren soll das Buch die „andere“ Seite zeigen im Gegensatz zur bekannten Version von Sänger Johnny Rotten. Ob das auch mein Eindruck ist, soll dieser Beitrag zeigen.

Das Buch erschien zuerst 1991, d.h. zwölf Jahre nach dem Ende der beschriebenen Ereignisse. Bis dahin hat der Autor unzählige Interviews mit allen nur entfernt am Geschehen Beteiligten geführt und auch anscheinend jedes einzelne Gespräch im Buch verarbeitet. Das ist das Hauptproblem meiner Meinung nach: die ausufernde Ausführlichkeit! Auf den 540 Seiten (plus 180 Seiten Anhang plus 10 Seiten Index) kommt jeder zu Wort, der mal in einem obskuren Fanmagazin erwähnt wurde, im gleichen Kunstkurs mit einer der Hauptpersonen war oder ein Politik-/Gesellschafts-/Musikexperte der Sechziger und Siebziger ist.

Mindestens die Hälfte des Textes besteht nur aus Zitaten und das bedeutet erstens, dass die Formulierungen umständlich und teilweise unverständlich sind (aus dem Zusammenhang gerissen, Umgangssprache) und zweitens, dass man in den seltensten Fällen weiß, um wen genau es sich handelt. Bei hunderten Personen kann ich mir nicht über mehrere Seiten merken, wer jetzt mit „Kent“, „Thomas“ oder „Smith“ gemeint ist. Zudem kenne ich als Spätgeborener (= nach 1979) nicht sämtliche Bandmitglieder aller mehr oder weniger wichtigen englischen Bands aus den Siebzigern.

Das macht es sehr schwer, das Buch zu lesen. Ich habe letzten Herbst damit angefangen und mit vielen Unterbrechungen habe ich es diese Woche endlich fertig gelesen. Dabei waren die vier Hauptteile die eigentlichen schweren Brocken (1: 12/71-08/75, 2: 08/75-12/76, 3: 12/76-06/77, 4: 06/77-01/78), wo ich oft nur wenige Seiten am Stück lesen konnte, bis es mir zu langweilig, aufwändig und/oder kompliziert wurde. Der letzte Teil „! January 1978 – May 1979“ dagegen ist mit seinen 70 Seiten und kondensierter Schreibweise sehr gut geraten. Es kam mir so vor, dass dem Autor gesagt wurde „Du hast insgesamt nur 500 Seiten, also jetzt nur noch 30, um das Ende der Band und den Tod von Sid Vicious unterzubringen!“. Dass es dennoch mehr als das Doppelte wurde, ist z.B. der Beschreibung der politischen Umstände geschuldet, die zur Wahl Margaret Thatchers führten. Doch im Gegensatz zu vorherigen Kapiteln wird hier die Geschichte klar und knapp geschildert. Der Aufbau ist logisch und chronologisch und es gibt keine seitenlangen Exkurse in die Philosophie und Kunstwelt.

Stichwort Sid Vicious: Wer wie ich bisher wenig Ahnung von der Geschichte der Sex Pistols hat, wundert sich wahrscheinlich, dass das bekannteste Mitglied der Band auf den ersten 300 Seiten nur ein Dutzend Mal im Vorbeigehen erwähnt wird. Es fehlt auch die kleinste Andeutung, dass er erst sehr viel später als Ersatzbassist einstieg und vorher „nur“ ein Fan war. Der Autor setzt voraus, dass man mit der erweiterten Bandgeschichte eng vertraut ist und erzählt ohne Hervorhebung von unwichtigen Ereignissen und Wendepunkten. Wenn der Leser noch nie vom Grundy-Skandal oder der Ketten-Schlägerei im 100 Club gehört hat, übersieht er leicht die Signifikanz. Außerdem wird sehr viel an politischem Hintergrundwissen vorausgesetzt, was einem englischen Leser 1991 sicherlich eher parat war als einem Ausländer im Jahre 2010.

Wie man anhand dieser Absätze herauslesen kann, hat mir das Buch nur bedingt gefallen. Es ist ein riesiges Nachschlagewerk für den Fan, der schon alles weiß, aber als „The best book about punk rock and pop culture ever.“ (NME) würde ich es nicht bezeichnen. Immernhin erfährt man jedes Detail jeder Auslage des Sex-Shops von Malcolm McLaren und Vivienne Westwood und jedes T-Shirt-Design samt Entstehungsgeschichte. Andererseits garantiert die unaufgeregte Schilderung und die Tatsache, dass wirklich Jeder zu Wort kommt, dass das Buch einigermaßen objektiv ist. Es schlägt sich nicht auf die Seite von Manager McLaren oder Sänger John Lydon, die 1979 einen jahrelangen Rechtsstreit begannen.

Fazit: Wer einen ersten Einblick in die Punkgeschichte haben möchte, ist mit diesem Buch schlecht beraten. Wer sein Expertenwissen vertiefen möchte, der könnte kein besseres Buch dafür finden.

Nachtrag: tobi kommt zu einem ähnlichen Urteil über das Buch The Clash Stalking.

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

5 Gedanken zu „Buch(nicht)empfehlung: Jon Savage – England’s Dreaming (The Sex Pistols and Punk Rock)“

  1. das fazit erinnert mich irgendwie an mein fazit zu dem clash-zitat-buch.
    irgendwie bin ich unschlüssig, ob ich dieses buch hier jetzt mal besorgen sollte…

  2. Bluespfaffe, besten Dank 🙂 Kennst du das Buch oder ist es auf deiner Leseliste?

    tobi, da wollte ich drauf verweisen! Link wird noch eingefügt. Wobei das Fazit zwar ähnlich ist, aber aus entgegen gesetzten Gründen.

  3. 1) du hast echt eine tolle Kritik geschrieben.
    2) ich freue mich dass jemandem überhaupt endlich mal sich traut NEGATIV über etwas zu schreiben
    3) das Buch hat trotz 1) und 2) oder gerade deswegen meine Interesse geweckt 🙂

    also, drei mal Danke 🙂

  4. Hallo, willkommen und Danke 🙂
    Wenn du genug Zeit und Interesse hast, könnte sich das Buch durchaus lohnen. Und es hilft wahrscheinlich, wenn du nebenher Notizen machst.

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