Chartspunkte #19: Casting und andere Verbrechen

Gestern Abend war wohl musikalisch einiges los und da geteiltes Leid, halbes Leid ist, stürze ich mich mal wieder auf die Charts. In den letzten Wochen war einiges los, so dass hier nur der erste Schwung kommt und in den nächsten Tagen dann die andere Hälfte. Mehr habe ich einfach nicht durchgehalten.

  • Die Atzen, Frauenarzt & Manny Marc – Atzin
    minusminusminusDie Mädels sind aber begeistert, mal sehen ob sich das auf mich überträgt. Buärgh, nein, mir kommt das Essen hoch. Textlich schon gar nicht mehr als bildungsfern zu bezeichnen. Die Geräuschkulisse wurde bestimmt mit dem 20 Jahre alten Mischpultcomputer mitgeliefert, der zum Erstellen dieses Verbrechens verwendet wurde.
  • Milow | Marit Larsen – Out Of My Hands
    plusNeue Namen tauchen hier ja sowieso selten auf und ein Weg, das zu verhindern sind Duette. Theoretisch könnte die Kombination was werden. Praktisch kommen die nicht aus dem Knick und machen einen auf Herbstblues. Sind die etwa verantwortlich für das Überspringen des Sommers?!? Ordne ich in die Kategorien „angenehm schön, tut nicht weh, gleich wieder vergessen“ ein.
  • Mark Medlock – Real Love
    minusminusminusSoll ich? Ok, ein paar Sekunden geb ich dem Ziegenbart: Technoflamenco-Parfümwerbung mit Vocoder. Wahnsinn, was da an kreativer Energie reingeflossen sein muss – ich sehe förmlich die rauchenden Köpfe vor mir!
  • Gentleman – It No Pretty
    plusYouTube-Nutzer sind doof, wenn man nach der Autovervollständigung geht (It so pretty). Dem sanftmütigen Mann nimmt man die Gesellschaftskritik auch ab und irgendwie ist das genau richtig in Rhythmus und Lyrics. Ein bisschen zu sanft ist es aber doch, was wahrscheinlich von dem Betroffenheit auslösenden Video kommt. In diesem berühmten orange gekachelten U-Bahnhof war ich mal auf dem Weg zu einem Termin, aber das ist natürlich hier völlig unwichtig.
  • Sido – Sie bleibt
    minusWitzige Referenzen und Selbstironie sind sympathisch, aber Sprechgesang ist so gar nicht meine Welt.
  • Train – Hey, Soul Sister
    plusUnd immer noch keine neuen Gesichter und diesmal im doppelten Sinne, denn der Song wurde mit Espen Lind zusammen geschrieben. Ich schwanke gerade zwischen Nostalgie („Drops of Jupiter war toll“, „Espen Lind war knuffig“) und „Pfft, das ist übelstes auf Ohrwurm gebürstetes Radiofutter“. Die Ukulele ist ein Pluspunkt und es stellt sich eine Sommerstimmung ein, dass ich über den hässlichen V-Ausschnitt hinwegsehe. (Anmerkung: V-Ausschnitte sind IMMER hässlich!)
  • Selena Gomez – Naturally
    minusminusminusNach diesem Ausflug in meine Jugend besuchen wir eine, die die Pubertät noch vor sich hat, aber die Klamotten einer 40-Jährigen trägt. Soll das Video eine Referenz an Seven Nation Army sein? Musikalisch ein dünnes, aufgepepptes Stimmchen über XY-Chartsbeats.
  • Mehrzad Marashi – Don’t Believe
    minusminusminusTschakka, Julia! Wo wir gerade von XY-Chartsbeats sprachen: hier in einer etwas basslastigeren Variante. Die Stimme klingt nach viel Phlegma und löst bei mir einen Würgereflex aus. Fun Fact: Der Videodreh wurde wegen Eyjafjallajökull[1] verschoben und konnte deswegen die ersten Wochen bei den Musiksendern gar nicht gezeigt werden.
  • Blümchen – Boomerang
    minusminusminusIs klar. Hielt ich vor knapp 20 Jahren schon für mehr als bekloppt. Es gibt Gerüchte, dass die Aktion aus dem Umfeld von Blümchen gestartet wurde und das fände ich extrem narzistisch. Wenn es dann sogar stimmt, dass das im vollen Bewusstsein der anderen Aktion geschah, dann ist das besonders niederträchtig.
  • Led Zeppelin – Stairway To Heaven
    plusplusplusDie Einschätzung als bester Song aller Zeiten ist zwar etwas übertrieben, aber das ist wenigstens Musik.
  • K’Naan – Wavin‘ Flag
    plusRichtig, da war doch was. Mir graut es jetzt schon und da kann mir auch der sympathische Hutträger mit seinem Chor und Trommlern nicht die Angst nehmen. Es ist mir allerdings ein Rätsel, was Vietnamesen mit einem Fußballereignis in Südafrika zu tun haben.
  • Adam Lambert – Whataya Want From Me
    plusminusDer nächste Castingkandidat und diesmal die Emo-Metrosex-Variante. Der Song an sich ist knackig und eingängig, allerdings stört mich die aufgemotzte Stimme. Wäre ich 18 Jahre jünger, würde ich vermutlich jetzt glucksend und sabbernd vor dem Bildschirm sitzen.
  • Jason DeRulo – In My Head
    minusminusminusAch ja, die RnB-Fraktion fehlte noch. Dieser „Bart“ ist allerdings überdämlich (Dame → dämlich, gettit?!) und wer auch immer den Vocoder erfunden hat, gehört geteert, gefedert, gevierteilt, gerädert, gehängt, gekielholt, in die Eiserne Jungfrau gesteckt, auf die Streckbank gepackt und dann noch getasert. Mehrmals.
  • Ke$ha – Blah Blah Blah (feat. 3 Oh3)
    minusminusminusManche Songs beschreiben sich im Titel schon selber. Die Tortur bis ich das Video gefunden hatte, will ich mal nicht negativ anlasten, deswegen gibt es nur drei Minuspunkte.

So, das waren jetzt zwar immer noch deutlich weniger als die Anzahl beim Grand Prix, aber das hat mir schon gereicht. Immerhin habt Ihr so auch die Gelegenheit, Euch durch diese „wenigen“ Songs zu wühlen und ein Urteil abzugeben. Vorausgesetzt Ihr kennt die nicht schon und findet das alles total super.

  • minusminusminus Verbrechen an der Menschheit und als Folterinstrument geeignet
  • minusminus Unterste Schublade des schlechten Geschmacks
  • minus ein kleiner Griff ins Klo (kann jedem mal passieren)
  • plusminus weder Fisch noch Fleisch, je nach Stimmung gut oder schlecht
  • plus Silberstreifen am Horizont des guten Geschmacks
  • plusplus Ohrenschmeichler, der ruhig öfter im Radio/TV laufen sollte
  • plusplusplus Wunder gibt es immer wieder!
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  1. Hui, ohne Nachgucken geschrieben und nur das y vergessen und zwei Umlaute vertauscht! []
Dieser Beitrag ist Teil 19 von 20 der Beitragsserie Julias Chartspunkte

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

5 Gedanken zu „Chartspunkte #19: Casting und andere Verbrechen“

  1. V-Ausschnitte sind hässlich. Aber wenn das alles wäre, könnte ich damit leben. Hey, Soul Sister macht mich so aggressiv wie schon lange kein Song im Radio mehr. Vielleicht liegt das an mir, aber die erbärmliche Anspruchslosigkeit und dümmliche Anbiederung, die von diesem Stück ausgeht, tut mir beinahe körperlich weh.

  2. Hmm, vielleicht habe ich den einfach noch nicht oft genug gehört. Aber wenn dann einmal die Grenze überschritten ist, geht es schnell Richtung Hass, das kenne ich.
    Aber keine Angst, den Song kennt bald keiner mehr.

  3. Boomerang von Blümchen und Stairway to heaven sind nur deswegen in die Charts geraten, weil es einen großen Aufruf in diversen Internetforen gab, diese beiden Songs sollte man doch so oft wie möglich downloaden, damit Mehrzad Marashi – Don’t Believe, nach seinem Sieg bei DSDS nicht Platz 1 der Singlecharts erreicht. Dieser Song sollte boykottiert werden. Hat leider nicht ganz geklappt, obwohl ich es Blümchen oder auch Led Zepplin sehr gegönnt hätte.

  4. Danke, Heike, das weiß ich natürlich und ich hab auch 2x Stairway to Heaven gekauft. Deswegen habe ich auch bei Blümchen von „der Aktion“ gesprochen.

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