Serienkritik: State of Play

State of Play DVD-CoverGerade auf der Suche nach sechs Stunden fantastischer Unterhaltung? Wenn ja, dann auf jeden Fall weiterlesen, wenn nein, dann trotzdem, denn es lohnt sich! Die BBC-Serie State of Play von 2003 hört sich der Beschreibung nach an wie ein politischer Journalisten-Thriller im Sinne von All The President’s Men/Die Unbestechlichen. Das Geniale an der Umsetzung ist jedoch, dass all die ikonischen Ideen vom Film integriert und mit unerwarteten Wendungen erweitert wurden.

Es beginnt damit, dass an einem gewöhnlichen Morgen ein schwarzer Junge erschossen wird und etwa zur gleichen Zeit eine Regierungsangestellte auf den Gleisen der Londoner Underground den Tod findet. Wie sich herausstellt, haben diese beiden Fälle natürlich etwas miteinander zu tun. Die junge Frau arbeitete für den Abgeordneten Stephen Collins (David Morrissey) aus Manchester[1] und der ist befreundet mit dem Reporter Cal McCaffrey (John Simm). Die etwas übertrieben wirkende Reaktion von Collins zum Tod seiner Angestellten während der Pressekonferenz bringt den Stein ins Rollen und bald ist ein ganzes Team von Reportern auf den Spuren des Falls bzw. der Fälle bzw. des zusammenhängenden Falls.

Es kommt keine Sekunde Langeweile auf, denn das vorgelegte Tempo ist scharf. Dabei kommen kleine humoristische Einstreuungen nicht zu kurz und sogar für einige wiederkehrende detailreiche Nebenfiguren reicht es. Details sind überhaupt das Stichwort, denn davon gibt es viele. Ich hatte jedoch nie das Gefühl den Faden zu verlieren, weil immer genau in der richtigen Menge dosiert neue Informationen übermittelt und mit vorhandenen Informationen verbunden wurden.

Neben dem anspruchsvollen und meiner Meinung nach konsequent durchdachten Drehbuch von Paul Abbott verdient auch die Regie von David Yates und dessen Kameraführung Bestnoten. Es wird viel mit Steadicam und sehr dynamisch gearbeitet, was aber nicht auffällt, sondern nur genutzt wird, um die Spannung zu erhöhen und mehr auf die Charaktere einzugehen. Mir ist erst in der letzten oder vorletzten Folge eine unruhige Kamerafahrt aufgefallen, aber beim erneuten Anschauen mit Audiokommentar habe ich darauf geachtet und es wurde auch öfter darauf hingewiesen.

Die fast schon intimen Begleitungen mit der Kamera unterstreichen die durchweg fantastischen Leistungen der Darsteller. Es spielen große Namen aus der britischen TV- und Filmwelt mit, d.h. neben David Morrissey (The Deal, Blackpool) und John Simm (24 Hour Party People, Life on Mars) gibt es tragende Rollen für Kelly MacDonald (Trainspotting, No Country for Old Men), Bill Nighy (Love Actually, The Boat That Rocked), James McAvoy (The Last King of Scotland, The Chronicles of Narnia), Philip Glenister (Life on Mars, Ashes to Ashes), Marc Warren (Hustle, Terry Pratchett’s Hogfather) und viele weitere.

Der Titel mag bekannt vorkommen, denn letztes Jahr gab es ein US-Remake, in dem Russell Crowe den Reporter spielt und Ben Affleck den Kongressabgeordneten. Der Film ist zurecht kein Erfolg geworden, denn dort wird versucht, die Geschichte in einem Drittel der Zeit zu erzählen, was aber durch unnötige Ausschweifungen erschwert wird. Außerdem wird dort aus einem Ensemble-Stück ein Ein-Mann-Feldzug und jede Beziehung wird anders dargestellt, jedes Detail genau ins Gegenteil verkehrt[2]. Wer also den Film kennt, sollte sich auf jeden Fall die Serie ansehen und herausfinden, warum ein Remake gerechtfertigt war.

Das Beste von Allem ist, dass die DVD-Box bei Amazon UK für £3,98 plus Versand zu haben ist (Partnerlink). Das Englisch ist einigermaßen verständlich (James McAvoy spricht nicht mit schottischem Akzent), wobei im Zweifel die Untertitel helfen. Wer doch lieber auf Deutsch sehen möchte, der kann für €16,99 bei Amazon DE (Partnerlink) zugreifen, muss aber wieder mal mit einem dämlichen Untertitel („Mord auf Seite eins“) leben. Die deutsche Version wurde erst letztes Jahr veröffentlicht, also nach sechs Jahren, wofür man wohl dem Film danken muss.

Gegen die Serie spricht einzig und allein der Ziegenbart von John Simm, aber darüber muss man hinwegsehen.

Nachtrag: Ich habe einen sehr guten Vergleich mit treffenden Einschätzungen gefunden und die Besprechung des Films von Steve.

  1. Das erwähne ich hier so explizit, weil in der Amazon-Beschreibung von Liverpool die Rede ist. Diese beiden Städte sollte man auseinander halten können! []
  2. Kleiner Spoiler-Alarm! Die Details reichen vom Kleinen, wie z.B. dass der schwarze Junge im Original nichts mit Drogen zu tun hatte und im Remake ein Junkie war, bis hin zu entscheidenden Veränderungen, wie z.B. dass im Original Energiewirtschaft und Ölfirmen mit der Sache zu tun haben, während die Amerikaner lieber Krieg und private Militärunternehmen unter die Lupe nehmen. []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

13 Gedanken zu „Serienkritik: State of Play“

  1. Na, der Beitrag konnte passender kaum kommen, denn endgueltig und ich wollten am Wochenende ein „State of Play“ – Marathon einlegen 🙂

  2. Naja, der Meinung zu dem US-Remake mag ich zwar nicht teilen (siehe meine Kritik im Blog), aber ich werde mir wohl trotzdem mal die UK-Version ansehen, wenn sie mir in die Hände fällt.

  3. Ach nein, ein weiterer Eintrag auf meiner ‚zu-sehen‘-Liste. Dummerweise ist die Kriegs-Kasse für DVD’s ziemlich leer =(

  4. Schorch, viel Spaß Euch beiden 🙂

    Steve, bin mal gespannt auf deinen Vergleich! Habe mir gerade deinen Beitrag durchgelesen. Wenn du die Leistungen von David Morrissey und Ben Affleck vergleichst, dann wirst du nicht mehr sagen, dass Affleck schauspielern kann. Mich hat auch gestört, dass Affleck und Crowe Freunde bzw. Zimmergenossen sein sollen, das nehme ich denen nicht ab. Und die immer wieder einfließenden Spannungen zwischen Alt und Neu fand ich zu gewollt und klischeehaft. Der Film kommt einfach nicht aus dem Knick. Eine wichtige Szene, die in der Serie am Ende von Folge 1 kommt, ist im Film nach 45 Minuten, aber bis dahin ist maximal die Hälfte an Handlung passiert. Ich weiß, es ist schwierig, die Handlung zu kondensieren, aber meiner Meinung nach hat man genau an den falschen Stellen gespart und dafür unnötige Verwicklungen eingebaut.
    Evtl. liegt es aber auch an meiner Einstellung, da ich die Serie so toll fand und den Film kritisch gesehen habe. Vielleicht ist es bei dir ja genau umgekehrt. Deswegen bin ich wirklich sehr gespannt auf deine Einschätzung.

    Gamlor, die paar Pfund….

  5. Nachdem dein Beitrag über Jekyll schon sein versprechen gehalten hat, befürchte ich jetzt muss ich NOCH eine Serie auf meine To-Watch Liste setzen, womit es dann ca. 27 Serien wären! 😉 Die „kleinen“ BBC Serien sind im Vergleich zu dem ganzen amerikanischen Mainstream immer eine schöne Abwechslung 🙂

  6. Ach, das lese ich jetzt alles nicht. Ich hatte natürlich den Kinofilm gesehen und fand die Story sehr gut. Am Samstag gibt es dann die Serie; darum lese ich nun den Beitrag nicht weiter…

  7. adastra, die hier kann man an einem regnerischen Samstag Nachmittag einschieben 🙂 Ich komme auch immer mehr auf den Geschmack der BBC-Sechsteiler. Hiervon sollte es eigentlich eine zweite Staffel geben (zumindest sprach der Autor im Audiokommentar davon, dass er gerade die Drehbücher schreibt), aber daraus ist wohl nichts geworden.
    Doch es gibt ja genug Auswahl, wobei 27 Must-Sees sicher noch untertrieben ist.

    endgueltig, ich bin auf dein Urteil gespannt. Lass mich wissen, wie du Film und Serie im Vergleich fandest.

  8. So, da wir am Samstag ja nun endlich die Serie gesehen haben: Sie ist wirklich, wirklich richtig gut.
    Damals, als wir in die OV-Sneak gewandert waren und dort der Film lief, war ich bereits von der Geschichte begeistert. Doch die Serie ist natürlich tausendmal besser. Mal von Schauspielern abgesehen ist die Story selbstverständlich um einiges ausführlicher, was einen noch mehr in diesen Sog zieht. Gefällt mir sehr.

  9. Kann meinem Mitseher da nur beipflichten. Wirklich eine großartig produzierte Serie, und selbstverständlich nochmals um längen besser als der Film, den ich jedoch auch bereits ganz gut fand.
    Bin natürlich alleine schon wegen John Simm hellauf begeistert.

    Und es kann noch besser werden, denn was endgueltig vergessen hat zu erwähnen, die finale Folge steht noch aus. Der Melatoninspiegel war leider zu hoch für das Finale.

  10. Ah, wollte schon fragen, was aus Eurem Plan geworden ist 🙂 Freut mich, dass es Euch so gut gefallen hat (bzw. wird).

    Das Ende wird übrigens durch Kenntnis des Films nicht geschmälert.

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