Chartspunkte #16: War zwischendurch schon Weihnachten?!

Die Abstände werden größer zwischen den einzelnen Ausgaben der Chartspunkte, aber erstens gibt es kaum Neueinsteiger und zweitens sind es bis auf wenige Ausnahmen immer dieselben Künstler (und auch Songs). Um wenigstens ein bisschen Abwechslung zu bieten, habe ich die Beschreibungen der Bewertungen geändert (siehe unten). Bei einigen geht es sicher noch knackiger, deswegen bin ich für Vorschläge dankbar.

Nun aber stürzen wir uns in den tiefen Abgrund, der sich deutsche Single- und Downloadcharts nennt und betrachten die Songs, die in den vergangenen knapp drei Monaten neu eingestiegen sind. Die Bewertung wird mir zunehmend schwieriger gemacht, da praktisch bei keinem Portal Originalvideos verfügbar sind, sondern nur Standbildvideos mit sehr schlechter Tonqualität (und Werbekommentaren). Das ist schade, denn die Videos sind Teil der Marketingstrategie (und bieten oft Angriffsflächen für spitze Bemerkungen).

  • Robbie Williams – Bodies
    minus Gregorianische Mönche haben Robbie entführt! Und dann mit einem knarzigen Effektpedal mitten in der Wüste ausgesetzt. Der Refrain ist ohrwurmig, aber zu klischeebeladen.
  • Xavier Naidoo – Alles Kann Besser Werden
    minusminusminus Wieso schafft es diese immer phlegmatischere Stimme mit der immer gleichen Grütze immer wieder in die Charts?!
  • Nena – Wir sind wahr
    minusminus Wenn du geküft gehabtest, Packung Deutsch in Aldi, du wißtest, das wir sind Pabbst! Dort hättest du dann auch ein bisschen Pfeffer kaufen können, um den Song etwas aufzupeppen.
  • Silbermond – Krieger des Lichts
    minus Ohne Beats und hörbares Luftholen geht heutzutage nix mehr. Ein bisschen Gitarrengeschrammel und ein zusammengeklautes Video und schon haben wir einen Hit.
  • Sido – Hey Du
    minusminus Ick erzähl dier och gleich ma wat, denn det Lied is dämlich, dat kannste mir glooben. Textlich vorbildlich, aber musikalisch hatten wir das schon öfter. Anmerkung: wer extra viel Grammatikspaß haben will, möge sich die Kommentare zu den obersten Suchergebnissen bei YouTube durchlesen.
  • Ashley Tisdale – Crank It Up
    minusminusminus Britney is back! Stimmlich, kostümlich und beattechnisch kein Unterschied. Nur männliche Unterstützung hatte Miss S. nie, oder?
  • OneRepublic – Secrets –
    minusminusminus Hat der eine so zerbrechliche Stimme oder liegt das an der Videoqualität? Jedenfalls ist das der Brechreizsong des vergangenen Jahrzehnts einmal durch den Fleischwolf gedreht. Und Til Schweiger ist auch wieder dabei, was die Stimmung vollends auf den absoluten Nullpunkt drückt.
  • Queensberry – Hello (Turn Your Radio On)
    minusminusminus Wenn Jugenderinnerungen mit erkälteter Stimme und deutschem Akzent malträtiert werden, verstehe ich keinen Spaß. Und wenn dann auch noch ein erdrückender und entschleunigender Beat drübergeklatscht wird, dann ist die Voraussetzung zur Folter erfüllt.
  • Culcha Candela – Monsta
    minusminusminus Alle Superlative versagen hier, denn so grenzdebil und hirnamputiert kann „Musik“ eigentlich gar nicht sein.
  • Jürgen Drews – Ich Bau Dir Ein Schloss
    minusminusminus Wer hat hier eine Wette verloren und musste 100 CDs von diesem Schlagerstampfer kaufen?! Oh, mit Loopings! Wenn man den Videokommentaren glauben darf, gibt es tatsächlich ein paar verirrte Seelen, die das gut finden. Oder der Onkel Jürgen hat ganz viele Googlekonten.
  • Ich + Ich – Pflaster
    minusminusminus Auch hier die Frage, wer diese immer gleichen beknackten Texte und „Gesänge“ kauft. Der Unterschied wäre minimal, wenn man dieses Lied 12x auf eine CD packt und mit dem Album vergleicht.
  • Jeanette – Solitary Rose
    minusminusminus Aha, eine „gefühlvolle Single“ bringt Frau B. mit diesem Stück. Nein, da fehlt kein Präfix beim Verb, die Single wird tatsächlich gebracht. Wer sich Gedanken darüber macht, bemerkt nicht, dass die weder singen noch ein Keyboard programmieren kann.
  • Leona Lewis – Happy
    minus Die kann immerhin singen, aber es klingt sehr weinerlich und trotzig. Das Video ist zum Glück nicht ganz so kitschig, wie befürchtet.
  • Black Eyed Peas – Meet Me Halfway
    minusminusminus Fergie hat vergessen ihre Spange herauszunehmen, apl.de.ap hat Schleim im Hals und will.i.am hat Husten. Mehr habe ich von diesem flachen Dancestück nicht behalten. Und dass es auf dem Mond spiegelnde Pyramiden gibt.
  • Jay-Z | Alicia Keys – Empire State Of Mind
    minusminus Ein bisschen Melodie vermittelt der Jay-Z und die kurzen Gesangspassagen von Miss Keys werden auch auf der Habenseite verbucht. Doch insgesamt hämmert es viel zu aufdringlich und man hält das als Zuhörer nicht lange aus.
  • Britney Spears – 3
    Sorry, manche kindischen Prinzipien muss man bis ins hohe Alter behalten und meins ist, dass ich nie freiwillig auch nur eine Sekunde Britney höre.
  • Lady Gaga – Bad Romance
    minusminusminus Cher is back! Und sie hat Boney M. mitgebracht. Sigmund Freud hätte sicherlich seine Freude an dem Video. Wenn er vor lauter Ohrenbluten dazu kommt, sich das anzusehen.
  • Thomas Godoj – Nicht Allein
    minus Hier wird Rocklinghausen unsicher gemacht. Mit ein bisschen weniger Autotune und ein bisschen mehr Geschwindigkeit hätte das durchaus was werden können.
  • Rihanna – Russian Roulette
    minus Frisuren- und klamottentechnisch sehr gewagt, aber doch irgendwie cool. Leider ist der Song ist eine bessere Schlaftablette mit einem okayen Refrain.
  • Aura Dione – I Will Love You Monday
    minusminusminus Urgs, macht Apologize noch kurz vor Abschluss den Brechreizsong des Jahrzehnts streitig. Diese Art grausiger Radiosong ist meiner Meinung nach hauptverantwortlich für den Untergang der westlichen Welt.
  • LeAnn Rimes – The Rose
    plus Wieder so ein Fall einer komplett sinnlosen Coverversion, denn der klingt praktisch genauso wie das Original. Nur die Stimme ist etwas souliger, was aber eher dagegen spricht.
  • Alicia Keys – Doesn’t Mean Anything
    plus Nein, überhaupt nichts, dass dies endlich mal ein eigenständiger, ordentlicher Song ist. Es braucht nicht mehr als einen treibenden Bass und eine angenehme Stimme und schon höre ich zu. Ist zwar sehr glatt poliert (im Song wie im Video), aber endlich mal was Hörbares.

So, nach diesen zwei einigermaßen positiven Songs höre ich auf, auch wenn es noch 14 weitere gäbe, aber die schaffe ich jetzt einfach nicht. Und auch dem geneigten Leser wäre es wahrscheinlich zu viel auf einmal. Dafür gibt es dann noch in diesem Monat die nächste Ausgabe der Chartspunkte. Doch zu dieser Ausgabe sind erstmal Eure Kommentare erbeten.

  • minusminusminus Verbrechen an der Menschheit und als Folterinstrument geeignet
  • minusminus Unterste Schublade des schlechten Geschmacks
  • minus ein kleiner Griff ins Klo (kann jedem mal passieren)
  • plusminus weder Fisch noch Fleisch, je nach Stimmung gut oder schlecht
  • plus Silberstreifen am Horizont des guten Geschmacks
  • plusplus Ohrenschmeichler, der ruhig öfter im Radio/TV laufen sollte
  • plusplusplus Wunder gibt es immer wieder!
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Dieser Beitrag ist Teil 16 von 20 der Beitragsserie Julias Chartspunkte

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

16 Gedanken zu „Chartspunkte #16: War zwischendurch schon Weihnachten?!“

  1. Ich hatte schon so meine Befürchtungen, dann habe ich das Minus gesehen und es mit der Farbe Rot in Verbindung gebracht. Die Legende untewr dem Beitrag hat meine aufkeimende Vermutung dann nur noch bestätigt 😀

  2. Du nimmst da wirklich ganz schön viel auf Dich. Ich könnte das nicht durch- und aushalten wirklich alles zu hören… nicht mal ansatzweise.

  3. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass du dich vor dem Schreiben des Artikels irgendwie in schlechte Stimmung gebracht hast 🙂 . So viele negative Schwingungen kann man doch gar nicht gutgelaunt aufnehmen.

  4. cimddwc, ich lebe zwar noch, aber nicht so wie bisher. Delete! Delete!

    Andi, ich tue das ja nur, damit du nicht musst 😉

    flash, im Gegenteil! Wäre ich nicht mindestens sehr gut gelaunt vor Beginn, würden die negativen Schwingungen mein Gehirn zersetzen.

  5. Ich oute mich dann mal: ICH gehöre du denjenigen, die zumindest das letzte ICH + ICH Album gekauft, gemocht und auch noch ein Konzert besucht haben.

    😉

    Ich setzt gleich noch einen oben auf: ich kann mich dieser seltsamen Lady Gaga einfach nicht entziehen. So sehr ich versuche sie doof zu finden, um so mehr wippt mein ganzer Körper mit.
    Und jetzt kommt der Todesstoß: Ich hasse Rhianna, finde dieses Russian Roulette aber einfach nur geil. 😳

    Den Rest der Lieder kenne ich entweder gar nicht oder finde ich ebenfalls doof. Und wer kommt auf die Idee Bette Midler zu covern? Kopfschuss! :kopfwand:

  6. Die vernichtende Wahrheit über die die Charts, eiskalt und gnadenlos serviert. Großartig! Manchmal fragt man sich, wer den ganzen Scheiß überhaupt kauft. Ich bin mit deiner Meinung im höchsten Maß einverstanden, obwohl ich bei Silbermond deutlich negativer stimmen würde, da geht es mir wir Dir bei Britney Spears.

  7. Viel zu milde, ich glaube ich hätte jeden Song mit 3 Minussymbolen versehen. Außer Xavier Naidoo – den würde ich mir gar nicht erst anhören. Der ist sozusagen meine Britney Spears.

    Habe mich aber herrlichst über deine Kommentare amüsiert. 😀

  8. Du bist ja echt knallhart, Julia. Ich kenne zum Glück nur die wenigstens äh Musikstücke, aber bei denen sprichst du mir aus der Seele. :clap:

  9. Dany, kannst du mir den Appeal von Ich + Ich erklären? Sind evtl. nur die Singles so untauglich ausgesucht? Naja, ich mag generell leiernde Stimmen nicht und Adel Tawil ist ein Paradebeispiel dafür.
    Lady Gaga ist ja auch bei anderen Lesern dieses Blogs sehr beliebt, was sie durch häufige Blips zeigen.

    Robert, Silbermond hatten zumindest mal einen annehmbaren Song und die sind nicht ganz so unsympathisch wie Britney 😉

    Konna, ich habe überlegt, ob ich die Minusskala ausweiten soll, aber hätten die doch wieder alle die Höchstpunktzahl bekommen. Es gibt durchaus Unterschiede innerhalb der Minus-3-Gruppe, z.B. durch besonders dreiste Geldgeilheit, extreme Nervtöterei, unsympathische Interpreten etc., doch das aufzudröseln wäre zu viel der Aufmerksamkeit.

    Micha, Musik ist das in den wenigsten Fällen, das ist schon richtig.

    tobi, zum Glück gibt es ja mehr als genug gute Musik, mit denen meine Ohren vorher und nachher beruhigt werden können.

  10. Du bist so unglaublich tapfer!

    „Diese Art grausiger Radiosong ist meiner Meinung nach hauptverantwortlich für den Untergang der westlichen Welt.“ zu Aura Dione hat mich – so traurig diese Wahrheit auch ist – sehr zum lachen gebracht.

    Schon gewusst ? Das Jahr hat 365 Tage. 🙂

    Interessant aber auch, dass es kaum noch Neueinsteiger gibt. Ein Zeichen dafür, dass die Musikbranche mittlerweile über jeden Konsumenten erhaben zu sein scheint und nach belieben mit den jeweiligen Nationalen wie Internationalen Zugpferden noch Gewinne erzielen kann.
    Das war doch alles mal anders ?!

  11. LemonHead, Euch zu unterhalten ist ja oberstes Ziel, denn mit Unterhaltung haben die Charts wenig zu tun.
    Wobei man natürlich was lernen kann, wie im Fall von Aura Dione 😉
    Dass es weniger Neueinsteiger gibt (obwohl weniger Einheiten verkauft werden müssen, um in die Charts zu kommen), liegt wohl am immer größeren Longtail. Seit es im Musikfernsehen keine Musik mehr gibt und im Radio nur dieselben 20 Lieder gespielt werden, wird der Konsument nicht mehr in eine bestimmte Richtung gelenkt, sondern informiert sich selbst. Und da merken dann viele (z.B. ich), dass es auch Besseres gibt.

    kamil, ah ok, das ist wahr!

  12. @julia: Hhm, ich kann das eigentlich nicht erklären. Das erste Album und auch das aktuelle haben mich nicht überzeugt. Dahingehend teile ich also Deine Meinung. Bei dem mittleren Album war es das Gesamtpaket. Auch wenn Du meinst, ein Lied sei wie das andere, so bin ich der Meinung, dass bei „Vom selben Stern“ eigentlich ein gesellschaftskritischer Mix und nachdenkliche Texte zusammen kommen. Ich gebe Dir Recht, Adel Tawil besitzt nichts kantiges in der Stimme, was sihe sehr glatt wirken lässt. Aber das ist etwas, dass immer wieder unterschiedlich empfunden wird. Während der eine meint, der Text spräche ihm aus der Seele, sieht der andere pseudointellektuelles Geschwätz dahinter. Diese Polarisierung umgibt auch Xavier Naidoo oder – was ich gar nicht nachvollziehen kann – die Texte von Herbert Grönemeyer.

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