Sonia Rossi – Fucking Berlin

Als ich mich auf der Seite Über mich umsah um etwas über Julia zu erfahren, entdeckte ich unter den unzähligen Interessen der kuriosen Doktorandin auch ihre Leidenschaft für Bücher. Da erinnerte ich mich an ein Buch, das ich in England (dem Land in dem Julia gerade verweilt) gelesen habe. So formte Robert von Spontis seinen Gastbeitrag für Julia von 49suns.

Ich lese nicht gerne Romane und Geschichten. Die sind nichts für mich, mir fehlt einfach die Muse in ein Buch einzutauchen und gekonnt die Welt darin zu erkunden. Was ich aber immer schon gerne gelesen habe, sind (Auto)Biografien, Tatsachenberichte und Dokumentationen die sogenannten Klugscheisserbibeln. Vielleicht ist das so ein Männer/Frauen Ding was uns neben anderen Kleinigkeiten voneinander unterscheidet, Frauen sind mehr für eine Geschichte mit Anfang, Höhepunkt und Happy End, Männer mögen Tatsachen (auch nackte), Fakten und Wissen. Was lag also näher alles zu verbinden?

Eine Bekannte, der ich Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ geliehen hatte, beglückte mich dann auch kurz vor meiner London Reise mit einem Buch und begleitete das mit den Worten:  „Musst du gelesen haben! Das gefällt Dir bestimmt.“ So steckte ich mir also Sonia Rossi’s „Fucking Berlin“ ins Handgepäck.

fucking berlin

Die 25jährige gebürtige Italienerin Sonia Rossi zog nach Berlin um Mathematik zu studieren und verdiente sich ihren Unterhalt durch die Prostitution – ein Leben zwischen Uni und Rotlicht. Der Untertitel des Buches lautet daher auch sehr treffend Studentin und Teilzeit-Hure.

Die Geschichte ist eigentlich schnell erzählt. Die Abiturientin aus einer bürgerlichen Familie, die von einer kleinen Insel nach Berlin zieht, um Mathematik zu studieren. Schnell erkennt sie, das sie vom dem Verdienst einer Kellnerin oder mit einem Callcenterjob nicht ihren gewünschte Lebensstandard halten kann und geht anschaffen. Sie lernt das Leben als Hure kennen und lieben. „Und ab einem bestimmten Zeitpunkt hätte mir auch das Milieu gefehlt.“ sagt sie in einem Interview[1].

Nachdem sie als Kellnerin nicht genügend Geld verdient entdeckt sie den Pornochat für sich und entschließt sich dann auf eine Zeitungsannonce eines Massagesalons zu antworten. Von dem Geld leistet sie sich ihren Lebenstil und die Partynächte auf denen sie auch Ladja kennen lernt, einen Straßenjunge aus Polen. Sonia verliebt sich, heiratet ihn und finanziert den arbeitslosen Ehemann von ihrem Verdienst. Schnell wird das Geld knapp und so fängt sie in der „Oase“ an, einem Puff in Lichtenberg, den sie beschreibt, als wäre es ihr zweites zuhause.

Niemand ihrer Kommilitonen ahnt etwas von ihrem Doppelleben. Auf der einen Seite Sonia, die fleißige Mathematikstudentin, auf der anderen Seite Nancy, die man für Geld haben konnte. Später nennt sie sich Stella und erzählt offenherzig von ihren unzähligen Freiern. Familienväter aus dem Prenzlauer Berg, Schlipsträger aus Zehlendorf, Vietnamesen aus Hohenschönhausen und Türken aus Neukölln, einige mag sie – andere verlieben sich sogar in Stella.

sonia rossi fucking berlin

Stammgast Wolfgang, der schon im Rentenalter ist, lädt sich Mädchen aus der „Oase“ nach Hause ein, wo seine Ehefrau Sabine vorher noch schnell putzt und hübsche Blumen auf den Tisch stellt. Sie weiß von der Leidenschaft ihres Mannes. Als Wolfgang eines Tages mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus kommt ruft sie in der „Oase“ an um Bescheid zu geben. Als Stella und Freundin Sonia besucht sie Wolfgang und ist auch heute noch mit ihm befreundet.

Ihr Leben läuft während dessen in nicht ganz so geregelten Bahnen. Sie verliebt sich in Milan, einen verheirateten Mann und beginnt einer Affäre. Von Ladja wird sie schwanger, um ihm später wegen seiner chronischer Faulheit den Laufpass zu geben und sich für ein Leben als allein erziehende Mutter, Studentin und Prostituierte zu entscheiden.

Fazit

Fucking Berlin ist keine Anklage und keine Beichte, eher die blumige Reflektion eines harten Lebens zwischen Universität und Prostitution. Die Erzählungen erscheinen so unkritisch, das es leicht erscheint den Inhalt der Geldbörse durch das vermieten des eigenen Körpers aufzubessern. Irgendwie schlängelt sich Sonia Rossi durch allen Unmöglichkeiten des Alltags als Studentin, Ehefrau, Freund und Hure. Ganz nebenbei beschreibt sie noch auf ihre sehr witzige und lockere Art die Hintergründe der Berliner Unterwelt ohne den negativen Beigeschmack aufkommen zu lassen.

Wie naiv und leichtgläubig muss man sein, um sie so dicht am Abgrund zu bewegen ohne es zu merken? Zwangsprostitution, Zuhälter und Gewalt? Fehlanzeige, das wird offenbar ausgeblendet. Wenn diese Geschichte wirklich die Ihre ist, dann darf sie so nicht erzählt werden.

Sonia ist natürlich nicht ihr richtiger Name, auch die schwarze Perücke soll sie nur davor schützen, dass man sie erkennt. „Sie wolle mit ihrem Buch für einen offeneren Umgang mit Prostitution plädieren, sagt Sonia Rossi, obgleich sie einräumt: In der Elterngruppe ihrer Kita würde sie über ihre eigene Vergangenheit ebenso wenig sprechen wie in dem IT-Büro, wo sie mittlerweile arbeitet.“[2] Der Versuch ist mal gründlich daneben gegangen. Offener Umgang mit Perücke und eine Schilderung von Prostitution wie die einer lustigen Frauenrunde bei Kuchen und Kartenspiel?

Das Buch ist unterhaltsam und witzig geschrieben und erfüllt dem ein oder anderen Mann vielleicht noch eine geheime Fantasie, doch es ist und bleibt doch nur eine Geschichte, die von der Realität vielleicht weiter entfernt ist, als es sich Sonia Rossi eingestehen mag.

Erschienen im Ullstein Verlag, 287 Seiten für 8,95€

  1. Interview mit Sonia Rossi bei literaturkritik.tv []
  2. Welt Online: Memoiren aus dem Milieu von Uta Keseling []

4 Gedanken zu „Sonia Rossi – Fucking Berlin“

  1. Pingback: Spontis
  2. Starker Tobak also bzw. eher nicht, wenn man dein Fazit liest. Ist ein schwieriges Thema, von dem die meisten (glücklicherweise) nichts wissen und deswegen lässt sich so ein Buch sicherlich gut verkaufen. Andererseits kann ich mir schon vorstellen, dass jemand, der sich aus Gründen des Lebensstandards prostituiert, ganz andere Kunden, Lokalitäten und Erfahrungen kennt, als jemand, der das zur Finanzierung einer Drogensucht macht.

    (Warum der Internet-Filter der Jugendherberge diesen Text nicht zugelassen hat, verstehe ich nicht.)

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