Serienkritik: Jekyll

Jekyll DVD-CoverWenn eine Fernsehserie mich so sehr begeistert, dass ich alle Folgen hintereinander gucke, dann muss diese mit einem eigenen Eintrag gewürdigt werden. Es handelt sich um Jekyll, eine sechsteilige BBC-Serie von Steven Moffat. Man sollte sich unbedingt die DVD-Box besorgen, doch dazu mehr am Ende des Artikels.

Die Geschichte Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde von Robert Louis Stevenson sollte jedem zumindest ungefähr bekannt sein – irgendwas mit Verwandlung, böse und gute Seite etc. Die Serie Jekyll spielt mit diesem Thema, ist jedoch in gewissem Sinne eine Fortsetzung oder man könnte auch sagen, moderne Variante der Geschichte. Dementsprechend spielt die Handlung in der heutigen Zeit und die Hauptperson ist Dr. Jackman, gespielt von James Nesbitt. Gleich am Anfang wird man mitten ins Geschehen geworfen und so völlig in den Bann gezogen. Der Zuschauer erfährt dennoch erst nach und nach, worum es genau geht, z.B. bekommt man den „Anderen“ erst verhältnismäßig spät zu sehen.

Die physische Verwandlung ist nicht so extrem, wie man das von vorherigen Verfilmungen kennt, aber deutlich genug und Jimmy Nesbitt macht seine Sache ganz hervorragend, so als ob es tatsächlich zwei verschiedene Personen wären. Ein bisschen Make-Up und CGI-Effekte unterstützen da nur die unterschiedliche Körpersprache und Sprechweise. Wunderbar auch, wie sich das Verhältnis im Verlauf der Geschichte ändert und sich den Gegebenheiten anpasst.

Stichwort Verlauf. Die Ereignisse sind in den wenigsten Fällen vorhersehbar, was auch durch hervorragend eingesetzte Rückblenden verwirklicht wird. Es gibt keine wirklichen Cliffhanger am Ende einer Folge, aber man möchte dennoch wissen, wie es weitergeht und so kann es eben kommen, dass man alle Folgen bis spät in die Nacht anschaut.

Ein wichtiger Aspekt ist natürlich, für wen die Serie geeignet ist. Zunächst einmal für alle Fans von Steven Moffat, der die britische Sitcom Coupling geschrieben hat und für die besten Folgen von Doctor Who verantwortlich zeichnet, die allesamt für den HUGO-Award nominiert waren und in drei von vier Fällen gewonnen haben. Genau diese Folgen von Doctor Who (The Empty Child/The Doctor Dances, The Girl in the Fireplace, Blink, Silence in the Library/Forest of the Dead) zeigen auch, dass er es hervorragend versteht, mit ureigenen Ängsten zu spielen. Die Geschichte böte eine gute Vorlage, um ein bluttriefendes Horrorspektakel zu veranstalten, doch solche Elemente werden nur eingesetzt, wenn es der Story dient und sind dadurch umso wirkungsvoller. Ich bin überhaupt kein Fan von Horrorfilmen und mir hat die Serie gefallen.

Der Humor kommt wie in britischen Serien üblich auch nicht zu kurz, z.B. durch Seitenhiebe Richtung USA und das Geplänkel zwischen den beiden Privatdetektivinnen Miranda (Meera Syal) und Min (Fenella Woolgar, Agatha Christie in der Doctor Who-Folge The Unicorn And The Wasp). Auch Jackmans Assistentin Katherine Reimer wird von einer aus Doctor Who bekannten Schauspielerin gespielt (Michelle Ryan[1]). Weitere Hauptdarsteller sind Gina Bellman als Claire Jackman (bekannt aus Coupling) und Denis Lawson als Peter Syme. Beide und überhaupt alle Darsteller spielen ganz fantastisch und jedem nimmt man seine Rolle sofort ab. Mehr dazu auf der Characters & Actors-Seite der Serie. Dort gibt es ein Behind the Scenes-Video, das ausnahmsweise auch hierzulande anzusehen ist.

Wie Autor Steven Moffat im Audiokommentar verrät, sollte die Serie ursprünglich Jekyll & Hyde heißen, doch alleine aus dem ersten Namen weiß man schon worum es geht und so reicht die knackige Kurzvariante.

In Großbritannien lief die Serie vor genau zwei Jahren (Juni/Juli 2007) und laut Wikipedia fand die deutsche Erstausstrahlung im Januar diesen Jahres eher unbeachtet auf arte statt. Noch ein Grund mehr, sich die DVD-Box [Partner-Link] für lächerliche £ 3,98 zu besorgen. Die auf der DVD befindliche Version enthällt alle bösen Wörter und einige extra Szenen, die in der Fernsehaustrahlung nicht zu sehen waren. Ist zwar minimal, aber authentischer.

Wer eine weitere, schöne Kritik zur Serie lesen möchte, wird hier fündig. Diese Kritik von Tobias war auch der Grund, warum ich mir die Serie zugelegt habe. Was Ihr natürlich auch alle tun solltet – vorausgesetzt Euer Englisch oder Französisch [Partner-Link] ist gut genug. Eine deutsche Variante auf DVD habe ich nicht gefunden.

  1. Ein weiterer Doctor Who-Veteran ist Mark Gatiss. Seine Rolle verrate ich an dieser Stelle aber aus Spoilergründen nicht. Wer es dennoch wissen will, schaue bei der IMDb vorbei. []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

23 Gedanken zu „Serienkritik: Jekyll“

  1. Au ja, Jekyll ist verdammt gut! :god: Scheint aber ziemlich unbekannt zu sein. Dessweiteren wenn etwas bei Arte läuft, dann ist wohl bei vielen Leuten der Laden runter.

    4£ ist schon fast gestohlen 😯

  2. Habe mir ein paar Sachen auf YT angesehen und bin nun definitiv interessiert. Danke für den Tipp! (Nur das Cover betrachtend, wäre ich vorbeigelaufen.)

  3. schön dass dir die serie ähnlich gut gefallen hat wie mir julia. allerdings scheint dein link zu meiner kritik etwas verunfallt zu sein 😉

  4. Ich glaube davon habe ich vor nicht allzulanger Zeit einen Auschnitt oder Trailer, sowas in der Art gesehen… Sah auf den ersten Blick richtig gut aus, jetzt habe ich wohl was zum nachlesen gefunden… 8)

  5. Klingt sehr gut. Werde ich mir in mein Hinterstübchen schreiben und bei mangelnder Serienunterhaltung darauf zurück greifen.

  6. Marc, weißt du noch, wo das war? Im Internet oder im Fernsehen? Könnte das heißen, dass es bald nochmal im deutschen Fernsehen kommt?

    bullion, das ist „snack-sized“ entertainment und gut für zwischendurch. Bei dem Preis erst recht. (der Ausdruck „snack-sized“ kommt übrigens in der Serie vor – angucken und rausfinden 😉 )

    tobi, nein, das wollen wir nun nicht (auch wenn es wohl nicht schlecht wäre).

  7. Kinners, ich habe jetzt die gesamten Extras gesehen (2 Audiokommentare und 2 Dokus) und bin jetzt völlig unzufrieden mit meiner Kritik, da sie vollkommen unzureichend ist. Das heißt im Endeffekt, dass ihr alle die DVDs kaufen müsst!

    Ein interessantes Detail ist noch, dass James Nesbitt eigentlich Ire ist, aber den englischen Akzent mit schottischen Anleihen hervorragend spielt. Warum der schottische Akzent wichtig ist, wird erst im Laufe der Serie wichtig und dieses Detail zeigt erneut, wie toll die Serie ist 🙂

  8. Das klingt ja wirklich ganz gut!

    Hatte bei arte mal einen Teaser dazu gesehen und fand’s auch potentiell interessant, aber dann hat’s doch nicht in meinen „TV-Plan“ gepasst …

    Werd’s wohl machen wie Bullion (Sei gegrüßt!) und darauf zurückkommen, wenn ich mit den restlichen Serien, die ich noch „auf Halde“ habe, durch bin.

  9. Danke für den Tipp, ich werd mir das mal anschauen. Wenn Steven Moffat die Finger im Spiel hat, kanns ja nur genial werden 😉

  10. Danke für den Hinweis, ist schon bestellt.
    Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe übrigens auch die Geschichte von Stevenson gelesen und fand sie überraschend gut, für so ein olles Ding. Ist auch angenehm kurz, lohnt sich.

  11. Ich hab die komplette Serie bei Arte mitverfolgt. Und es war klasse! Wieso, Gamlor, schreibst du:

    „(…) wenn etwas bei Arte läuft, dann ist wohl bei vielen Leuten der Laden runter.“

    ? Bei mir beispielsweise ist das Gegenteil der Fall: Gerade dann, wenn etwas bei Arte (oder 3sat) läuft, schalte ich ein.

  12. symBadisch, wie gesagt, sind nur 6 Folgen und die kann/muss/wird man in einem Rutsch gucken.

    adastra, in Moffat we trust!

    Muriel, viel Spaß dabei 🙂 Das Buch gibt es übrigens bei Projekt Gutenberg (EText-No. 42, eieiei) in verschiedenen Formaten. Wird demnächst in Angriff genommen.

    Jan (halloho!), lief die Serie bei arte in deutsch? Der Trailer auf deren Seite ist nämlich von der BBC. Leider gibt es auch dort keine Hinweise auf eine (deutsche) DVD.

  13. Da muss ich Jan beipflichten: arte und 3sat bringen oft interessante Filme, die man auf den restlichen eher „mainstream“-orientierten Sendern nicht so häufig zu sehen bekommt. Eine feine Sache sind auch die Themenabende bei arte oder die Film-Serien bei 3sat.

  14. @Jan @symBadisch: Wenn ich so meine Verwandt- und Bekanntschaft anschaue, guckt da wirklich niemand Arte. Klar, Arte sendet nicht die Mainstream-Blockbuster von heute.

    Meinung nach ist Jekyll auch für ein breites Publikum geeignet und könnte ohne Probleme auch auf Pro7 zu sehen sein. Darum die Bemerkung zu Arte 😉

  15. Ja (einen wunderschönen guten Tag auch dir :)), die Serie lief bei Arte komplett auf deutsch.

    Ich finde, dass Jekyll dadurch, dass es auf Arte lief, würdiger ist, es sich einmal anzuschauen und darüber nachzudenken – wäre es bei ProSieben oder Ähnlichem präsentiert worden, hätte ich nicht einmal im Traum eingeschaltet. Es wäre wohl völlig an mir vorübergezogen, weil ich mir dann schon von vornherein (ich weiß, das ist vorurteilend aber nun einmal so) gedacht hätte, es wäre eine weitere Portion anspruch-, niveau- und belanglosen Schnickschnacks.

  16. Ich hab’s mir zwar auf 2 Abende aufgeteilt – und bin grad fertig (bis auf die Audiokommentare) –, aber begeistert bin ich trotzdem, also danke für den Tip. 😀

  17. So, in die arte-Diskussion schalte ich mich jetzt nicht mehr ein, da ich das (auch) nicht gucke, wie generell kein Fernsehen 🙂

    cimddwc, der erste Audiokommentar ist sehr gut, der zweite nicht so wirklich.

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