Albumkritik: Eight Legs – The Electric Kool-Aid Cuckoo Nest

Letzten Monat war mir das Verlosungsglück hold und beim Alternative Music Blog habe ich das neue Album von den Eight Legs gewonnen (Vielen Dank!), das auf den interessanten Namen The Electric Kool-Aid Cuckoo Nest hört. Letzte Woche endlich kam die CD an und nun gibt es natürlich eine ordentliche Albumkritik.

Die Band und das Albumcover kommen sehr bunt daher (Beweisstück A: MySpace-Seite), wie auch das namensgebende Kool-Aid. Das ist ein Fruchtsaftgetränk, dem man hierzulande wahrscheinlich nur in dem geflügelten Wort to drink the Kool-Aid begegnet ist und soviel bedeutet wie blinde Hörigkeit gegenüber Autoritäten. Mehr zum Hintergrund an der kompetentesten Stelle für US-Kulturgut im Internet, d.h. bei USA erklärt. Dort erfährt der geneigte Leser auch warum das Album so heißt:

Kool-Aids Aufstieg zu mehr als nur ein Softdrink begann in den 60er Jahren, als es von Hippies mit dem zuerst noch legalen LSD versetzt wurde. Tom Wolfe schrieb 1968 das berühmte Buch The Electric Kool-Aid Acid Test über Ken Kesey, dem Autor von One Flew Over the Cuckoo’s Nest, und seiner Bande von Merry Pranksters, die mit den Grateful Dead durch Kalifornien fuhren und solche acid tests durchführten. Kraft Foods redet nicht so gerne über diese Zeit, irgendwie.

Die acht Beine versprechen also auf der Verpackung, dass sie Ahnung von Literatur und Popkultur haben. Mal sehen, ob die britischen Jungspunde, das inhaltlich halten können. Leider sind im recht dicken Booklet nur stylische Bildchen zu sehen und keine Texte. Das sonst so allwissende Internet ist hier leider keine Hilfe. Fangen wir also endlich an und stimmen uns ein mit dem Video des Albumopeners und ersten Single:

[myspace 56223441 Verstehen]

Es geht gleich mit dem sanft geschrammelten I Understand los. Klingt ein bisschen wie The Cure auf LSD. Scherz beiseite, die Stimme von Sänger Sam Jollys erinnert sehr an Robert Smith. Beim zweiten Song Stay Cool geht es zwar ein kleines bisschen rockiger zu, aber noch haben sie sich nicht sehr von diesem ersten Eindruck entfernt. OK, bei Just So You Know höre ich die Beatles raus, was ja nichts Schlechtes sein muss, vor allem nicht bei der klaren Melodie und dem überraschend passenden Glockenspiel.

Danach geht es irgendwie in Richtung Balkan und es wird etwas schwermütiger und tiefstimmiger bei The Dystopian Not So Future. Die Streicher sind eine willkommene Auflockerung und Abwechslung. Danach geht es mit More Than Nothing At All voll in die klassische Indieecke, bei der die tiefere Stimmungslage beibehalten wird. Gefällt mir ausgesprochen gut und wird schon mal als potentielles Albumhighlight vermerkt. Ah, dieses Pendeln zwischen und Vermischen von schrammeliger und glasklarer Gitarre ist genau das richtige für meine Ohren. Etwas basslastiger und wieder mehr Richtung The Cure geht es zu bei I Don’t Have The Time. Das Klavier geht fast unter und kommt nur sporadisch im Vordergrund zum Einsatz, aber es reicht.

Dann werden die Verzerrer angeworfen und bei I Wish It Was The 60’s klingen die Strokes voll durch. Bei dem Titel mag das blödsinnig erscheinen, aber das macht ordentlich Laune und ich bin sicher, dass die Strokes vor 40 Jahren so geklungen hätten. Etwas zurückhaltender (und mit Kuhglocken) geht es mit dem unglaublich kreativ betitelten Untitled weiter. Sehr melodiös und angedeutet übersteuerten Gitarren wird verkündet Nothing Between The Lines, welches noch am ehesten nach Postpunk klingt.

Etwas beschwingter ist der vorletzte Song Make It Happen und wenn ich das richtig rausgehört habe, handelt es sich hier um ein Liebeslied (kostenloser Download beim deutschen Label, via nicorola). Zum Abschluss dann noch die wörtliche Referenz an Tom Wolfe mit The Electric Kool-Aid Acid Test. Hier greift Katty Besnard von den Plastiscines unterstützend ein, abgewechselt von einem Art Brut-artigen Sprechgesang, die wohl die entspannten und gestressten Seiten des Lebens darstellen sollen. Irgendwas mit Chillen und Boss oder so. Texte im Booklet wären hilfreich!

Wertung: knapp 4 von 5 Punkten
Könnte stellenweise etwas knackiger sein, aber ansonsten haben die Jungs da eine ordentliche Vorstellung abgeliefert. Entfaltet sich erst bei genauerer Betrachtung, aber dann umso mehr, besonders da es auf den zweiten Blick erstaunlich abwechslungsreich ist. Das Versprechen mit der Popkultur wurde für meine Begriffe musikalisch eingelöst, da sie so einige Verweise auf andere Bands eingeflochten haben. Die griffige Stimme sorgt dafür, dass trotzdem die Individualität gewahrt bleibt.

Mehr aktuelle Infos gibt es beim deutschen Label, dem Tourblog der Band und bei nicorolas Seitenwechsel-Reihe. Nachtrag: bei den White Tapes gibt es auch eine Albumkritik und ein etwas älteres Interview.

Das Album ist erstmal nur in Deutschland erschienen und wird erst im Herbst dem Rest der Welt präsentiert. Wer das Privileg nutzen möchte, kann das bei Amazon in CD-Form oder mp3-Format tun (Partnerlinks). Auf der MySpace-Seite sind alle Songs des aktuellen und ersten Albums im Stream verfügbar – leider völlig durcheinander.

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker