Julias Chartspunkte #12: Anleitung zur Bulimie

Nach anderthalb Monaten ist es wieder Zeit für einen kritischen Blick auf das chaotische Drama, das sich Singlecharts nennt. Da sich so viele Songs angesammelt haben, komme ich gleich zur Sache.

Neueinsteiger vom 3.04

  • Platz 20 Take That – The Garden
    minusminus Und mit sowas geht es los! Dieses Langweilstückchen ist so schnell vergessen, dass es sogar nur eine (oder zwei?) Woche(n) in den Top 20 verbracht hat. Sollten die Jungs Männer vielleicht als Signal zum Aufhören verstehen. Sofort!
  • Platz 19 Big Ali Feat. Dollarman – Hit The Floor
    minusminusminus Soll ich mir das Anhören? Aha, The Power! Das habe ich schon vor 32899678 Jahren unerträglich gefunden und ein Versamplen macht es noch schlechter. Unvorstellbar eigentlich, aber die Charts übertreffen sich ja öfter mal selber.
  • Platz 10 Metro Station – Shake It
    plusplus Glaubt man’s denn? Der Name ist etwas irreführend, denn wir haben es hier nicht mit einem Haufen David Beckhams zu tun, sondern mit einem erstaunlich nach Indie klingenden Trupp aus Kalifornien. Die ins Gesicht gekämmten Ponys und die Röhrenjeans sollten sie allerdings noch mal überdenken. Video ist auch ganz gut, aber wegen dieser beschränkten Beschränkungen nicht verfügbar.
  • Platz 9 Enrique Iglesias feat. Sarah Connor – Takin‘ Back My Love
    minusminusminus Danke, aber danke nein! Mein Essen soll drinbleiben und dafür stehen die Chancen schlecht bei diesem Heulbojen-Räkel-Worst-Case.
  • Platz 7 Kelly Clarkson – My Life Would Suck Without You
    minus Joa, hat sich mittlerweile auch überlebt, dieser ewig gleiche Powerpop. Klingt zwar energetisch und toll (und ein semi-böses Wort ist auch im Titel), aber warum immer das Gleiche?
  • Platz 5 Flo Rida feat. Ke$ha – Right Round
    minusminusminus Einfach mal alle Erfolgsgaranten für einen Hit abgehakt und die dämlichen Kinder kaufen das auch brav. Mir kommt trotzdem so langsam das Essen hoch.

Neueinsteiger vom 10.04

  • Platz 15 Kid Cudi Vs. Crookers – Day N Nite
    minusminusminus Und auch auf der Insel hat man diese Checkliste gefunden. Dazu noch ein bisschen Humor eingestreut und sich ganz auf die männliche, pubertierende Klientel konzentriert.

Neueinsteiger vom 17.04

  • Platz 19 Laura Pausini feat. James Blunt – Primavera In Anticipo (It’s My Song)
    minusminusminus Eine Checkliste für einen Hitsong der entgegengesetzen Art hat man hier abgearbeitet („Multlinguale Ballade mit so viel Zucker, wie reingeht“). Bewirkt bei mir aufrollende Fußnägel und Krampfanfälle.
  • Platz 10 Rosenstolz – Blaue Flecken
    minus Entweder ich bin zu blöd oder humorlos oder was auch immer, aber ich kapier den Song nicht. Klingt mal wieder typisch nach Rosenstolz und ist deshalb überflüssig.
  • Platz 9 Beyoncé – Halo
    plus So, nach den obligatorischen Eifersuchts- und Stolzer-Single-Songs kommt jetzt der „Glückliche Beziehungssong“. Klingt nicht zu schmalzig und meine Meinung von Miss Knowles steigt wieder ein bisschen.
  • Platz 7 T.I. feat. Justin Timberlake – Dead and Gone
    minusminusminus „Boah, wir sind so cool, wir müssen in die Wüste fahren, damit wir niemanden gefährden!“ Jungs, Ihr macht Euch lächerlich, denn Ihr seht einfach nur dämlich aus und als Musik kann man diesen Blödsinn auch nicht bezeichnen.
  • Platz 2 Depeche Mode – Wrong
    minus Konnte nie mit DM warm werden und auch dieser Song ändert nichts an meiner Gleichgültigkeit. Ist einfach zu viel Elektro-Eintönigkeit mit einer unangenehmen Stimme.

Neueinsteiger vom 24.04

  • Platz 19 The All-American Rejects – Gives You Hell
    plus Interessant, was so alles in den Charts ankommt. Netter Pseudorocksong mit einem witzigen Video.

Neueinsteiger vom 1.05

  • Platz 9 Pink – Please Don’t Leave Me
    plus Pink wie sie leibt und lebt. Keine Neuerfindung des Rades, aber die Kombination aus guter Melodie, einem offenherzigem Text, kräftiger Stimme und dangeligen Gitarren hat schon öfter funktioniert. Wenn das dann noch mit einem Zombie-Misery-Video kombiniert wird, ist der Hit garantiert.

Neueinsteiger vom 8.05

  • Platz 18 Eisblume – Leben Ist Schön
    minus Ah, Teenageangst in Reinform (wobei hier der englische Begriff gemeint ist). Kann ich aber nix mit anfangen und klingt auch eher nach Checkliste abgearbeitet für mehr Profit.
  • Platz 2 Mark Medlock – Mamacita
    minusminusminus Noch mehr Angst, diesmal aber wieder um mein Essen. War ja klar, dass sowas passieren musste, sobald die ersten Sonnenstrahlen sich zeigen.

Neueinsteiger vom 15.05

  • Platz 11 Eminem- We Made You
    plus Erstaunlich gefällig, auch wenn das der Herr Mathers wahrscheinlich nicht hören möchte. Aber er hat da schon Recht und beim Video hat man immerhin was zu tun („berühmte“ Persönlichkeiten raten).
  • Platz 7 Ciara feat. Justin Timberlake – Love Sex Magic
    minusminusminus Überraschung! Ein weiterer Checklisten-Song und bei diesem pseudoerotischen Geflüstere wird mir schlecht.

Neueinsteiger vom 22.05

  • Platz 14 Green Day – Know Your Enemy
    plus Es ist mal Zeit für ein gesellschaftskritisches Album mit ein wenig Punk, jetzt wo Dubya wiedergewählt wurde und das Volk aufgerüttelt werden muss! … … Ähm, sorry, hab mich im Jahr vertan. Klingt aber wie ein Abklatsch von American Idiot. Ein langweiliger noch dazu. Zeit für was Neues, Jungs!
  • Platz 4 Black Eyed Peas – Boom Boom Pow
    minus Ja, toll was man so alles mit Computern machen kann! Auch BEP haben sich nicht weiterentwickelt und wollen wohl einfach nur noch die Rente sichern.

Erstaunlich, wie viel Magenumdrehendes in acht Wochen zusammen kommt. Immerhin ein ordentlicher Song von einem Newcomer ist dabei. Was denkt Ihr, liebe Leser?

  • minusminusminus Song hätte nie produziert werden dürfen und auch den/die „Künstler“ finde ich doof.
  • minusminus Auf dem Weg zur Unerträglichkeit und dem/den Künstler/n stehe ich wahrscheinlich auch skeptisch gegenüber.
  • minus Song gefällt mir nicht, aber den/die Künstler halte ich für ok.
  • plusminus Song ist mir relativ egal und je nach Laune würde ich zuhören oder abschalten.
  • plus Song ist ok, aber entweder nervt er auf Dauer oder ich stehe dem/den Künstler/n skeptisch gegenüber.
  • plusplus Ziemlich guter Song und auch der/die Künstler ist/sind mir sympatisch.
  • plusplusplus Song könnte ich andauernd hören und auch den/die Künstler finde ich gut.
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Dieser Beitrag ist Teil 12 von 20 der Beitragsserie Julias Chartspunkte

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

17 Gedanken zu „Julias Chartspunkte #12: Anleitung zur Bulimie“

  1. Es erstaunt mich gerade wie wenig Songs ich aus den Charts kenne… Allerdings finde ich Wrong gar nicht mal so schlecht. Bei Green Day stimme ich Dir zu, da hätten sie sich mal mehr zutrauen können.

  2. Oha, mit Deiner Take That Bewertung machst Du Dir bestimmt nicht viele Freunde. Obwohl… ob diese Klientel den Weg hierher findet? 🙂

  3. Hihi, du findest Musik von Hannah Montanas Bruder gut 😀
    Sonst muss ich dir wie immer größtenteils zustimmen, auch wenn ich das meiste nicht kenne.

    Dead and gone finde ich eigentlich ziemlich cool. Wie fast alles von Timberlake. 🙂

  4. Sehr genialer Artikel und ein noch besseres Bewertungssystem! Habe gut gelacht und eifrig mit dem Kopf genickt :-))

  5. Cy, wenn es nicht diese Chartspunkte gäbe, wüsste ich auch nicht, was sich da so Böses rumtreibt. Aber wie man sieht, verpasst man nicht viel.

    Andi, ich glaube auch nicht, dass viele TT-Fans hierher finden. Obwohl ich ja einen vermieteten Link für die in der Sidebar habe.

    David, das erklärt natürlich, warum Metro Station so erfolgreich sind. Hätte nie gedacht, dass dieser Tattoo-Typ was mit Country zu tun hat.

    Marc, dann hat sich mein Aufwand ja gelohnt 🙂

  6. Das erinnert mich dran, dass ich ja auch mal meine eigene Version der Chartspunkte machen wollte und mich eine Weile mal wieder chartsmäßig informieren will. Weiß ja sonst auch so rein gar nicht mehr, welcher Müll eigentlich so unsere Jugend verpestet 😉

  7. Habe mich köstlich amüsiert beim Lesen der Chartspunkte. Die Singlecharts als bulimiefördernde Gefährdungsansammlung, man hätte es erahnen können.
    Und von der neuen Green Day-Single hätte ich mir auch ein wenig mehr erwartet.

  8. Warum ich diesen Artikel gelesen habe, ist mir eigentlich ein Rätsel, denn Singlecharts interessieren im Allgemeinen nicht – so wie die meisten der Leser hier.

    Wie dem auch sei, der Artikel sorgt zweifelsohne für Gesprächsstoff unter uns Musikinteressierten. Die einen sagen in Bezug auf „Singlecharts“: „Ganz schlimm, purer Trash, Breitwandpop, 08/15-Mucke. Das schreit nach Teenagern in Pimkie-Klamotten oder alternden Popstars.“ Andere: „Das ist Kunst. Mitreißende Musik. Und diese schrillen Outfits… Der (musikalische) Inhalt ist auch nicht schlecht.“

    Eine Erklärung: Es gibt Musiker, die haben scheinbar bei der Verteilung von Intelligenz nicht in der ersten Reihe, sondern am Büfett gestanden und werden deshalb gerne als blöd abgestempelt. Kreative Lästermäuler benutzen eventuell auch die Wörter „meschugge“, „balla balla“ oder „gaga“. Als Beispiel sei hier eine „Künstlerin“ aus New York genannt, die sich den Namen Lady GaGa, sprich Fräulein Blöd, verpasst hat. Das wirft daher natürlich eine Frage auf. Die hat doch wirklich einen an der Klatsche, oder?

    Klischeebehafteter Spott ist den Singlescharts deshalb aus meiner Sicht sicher: Ein musikalisches Unterfangen auf niedrigstem Niveau.

  9. beety, „verpesten“ ist das richtige Stichwort 🙂

    Ini (halloho!), zum Glück muss man in Zeiten von Videoportalen nicht mehr auf das „Musik“fernsehen zurückgreifen zur Information.

    Horst, Frau Blöd kommt hier regelmäßig nicht gut weg, obwohl es Leute geben soll, die die toll finden 😉
    Angefangen hat dieses Spektakel hier ja vor über einem Jahr, als Schnuffel sich wochenlang an der Spitze festsetzte. Und seitdem hat sich am Niveau nicht nennenswert etwas geändert.

  10. Nix bitte gegen DM. Obwohl ich „wrong“ in dieser Jahreszeit auch fehl am Platze halte. Schade, ich dachte einer von den Mitkommentatoren würde uns den Rosenstolz Song erklären. Ich habs auch nicht geschnallt.

  11. Ah, Heike mit DM werde ich wohl mein Lebtag nicht warm 🙂 Ich mag die Stimme von Dave Gahan einfach nicht und sie treffen genau die falsch Form von Eintönigkeit, die mich wahnsinnig macht.

    Ich hoffe auch noch auf Rosenstolz-Interpretationen. Dafür müsste man sich das aber anhören…

  12. Kelly Clarkson find ich mal wieder sehr gut und was Eminem da mit seinem Comeback gemacht hat, Respekt!! Sehr geiler Song!
    Mamacita ist natürlich wieder so ein Sommerhit, aber mir gefällt er irgendwie 🙂
    Welcher Song scheinbar noch nicht in den Charts ist: Britneys Neuer. If you seek Amy, ein geiles Ding ^^

  13. Schaps, irgendwie gehen unsere Ansichten da ziemlich diametral 🙂
    Aber wenn Britney dann in den Charts angekommen sein wird, werde ich mir das eh nicht anhören. Genauso wenig wie den Casting-Heini, der natürlich diese Woche auf dem Spitzenplatz stehen wird. Boah, da kommt mir glatt wieder das Essen hoch ob dieser Berechenbarkeit und der Bereitwilligkeit, mit der sich die Leute manipulieren lassen.

  14. Hm, im Großen und Ganzen stimme ich Dir bei den Bewertungen zu. Aber bei einem Song muss ich doch ganz heftigst widersprechen: der Song von James Blunt und Laura Pausini gefällt mir ziemlich gut! Aber ok, ich stehe eben unheimlich auf mehrstimmingen Gesang und Duette. Genauso wie ich z.B. auch „Broken Wings“ von James Morrison mit Nelly Furtado mag.

    Absolute Zustimmung gibt es von mir aber bzgl. Depeche Mode. Habe ich irgendwie auch noch nie den Zugang dazu gefunden. Ein Bekannter war neulich auch total begeistert von dem Song, konnte ich leider gar nicht nachvollziehen.

    Beyoncés „Halo“ finde ich auch ganz nett – beim ersten Hören dachte ich allerdings es handelt sich um einen neuen Song von Rihanna! („Umbrella“ anyone?)

    Abgesehen davon, dass die Black Eyed Peas sowieso nicht mein Ding sind, finde ich „Boom Boom Pow“ absolut grässlich! Erst recht weil ich sogar auf Nicht-Musik-Tv-Sendern ständig mit dem Song gequät werden!

    Und obwohl ich Dir und Ini zustimme und es ebenfalls schade finde, dass Green Day wohl einfach nochmal ein 2. „American Idiot“ machen wollten, muss ich sagen, dass ich die Single und auch das Album trotzdem ganz gut finde. Es sind halt immer noch Green Day wie wir sie lieben …

  15. Ah, das James Blunt-Duett war mir viel zu seicht. Bei James Morrison dagegen haben die beiden Stimmen etwas mehr Substanz.

    Was hörst du denn für Sender, wenn dort der aktuelle BEP-Song kommt? Ok, mich darf man da nicht fragen, da ich pro Tag nur ein paar Minuten NDR2 höre und die hängen erstens immer ein paar Monate zurück und zweitens spielen die nur „sichere“ Songs.

    Über das Green Day-Album habe ich mittlerweile so gegenteilige Ansichten gelesen, dass ich es mir selbst mal anhören muss (bei Spotify vorhanden).

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