Du glaubst nicht an Gott? Du bist nicht allein!

BuskampagneDieser Spruch hätte bald auf deutschen Bussen (in Berlin, Köln und München) erscheinen können. Hätte, wenn bei der Buskampagne nicht drei andere Slogans zur Vorauswahl gestellt worden wären. Die sind zwar auch passend, entsprechen aber nicht denen der Vorabstimmung, wo der Spruch „Du glaubst nicht an Gott? Du bist nicht allein!“ von 36 der 58 Teilnehmer gewählt wurde (via).

Die Buskampagne ist dennoch unterstützenswert und seit heute werden Spenden zur Finanzierung gesammelt. Auf der Spendenseite kann per Lastschriftverfahren dazu beigetragen werden und gleichzeitig für einen der drei Vorschläge abgestimmt werden. Die Aktion ist heute erst angelaufen und schon sind 832 € der benötigten 19.500 € beisammen (Liste), die innerhalb der nächsten zwei Monate aufgetrieben werden sollen.

Eigentlich wollte ich das Aussehen des Busses mit dem Bus Slogan Generator zeigen, doch den gibt es leider nicht mehr. Dann eben die ersten beiden Vorschläge, die zur Auswahl stehen (der dritte ist zu breit…):

buskampagne_vorschlag_a_b

Die deutsche Buskampagne ist nicht die erste, sondern basiert auf der britischen Atheist Campaign. Es gab bisher Aktionen in Kanada, Italien, Spanien und Australien, die sehr erfolgreich liefen und das erforderliche Geld durch Spenden aufgetrieben wurde. In Großbritannien hat Richard Dawkins sogar den Betrag verdoppelt und somit entscheidend zum initialen Erfolg beigetragen.

Nachtrag: das Widget, das den Spendenstand anzeigt und mit einem Klick zur Spendenseite führt

Nachtrag 2: Da das Spendenziel von 19.500 Euro innerhalb weniger Tage erreicht wurde, wurde das Ziel auf 50.000 Euro erhöht, um auch in anderen Städten Busse bewerben zu können. Außerdem funktioniert der Bus Slogan Generator wieder und damit habe ich das hier gebastelt:

Buskampagnenspruch

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

30 Gedanken zu „Du glaubst nicht an Gott? Du bist nicht allein!“

  1. Mir gefällt das letzte am besten – die anderen klingen vielleicht etwas zu… unfreundlich? Schwer zu beschreiben. Man kann den Spruch irgendwie eher als Diskussionsaufhänger sehen während die anderen mehr negativ klingen.

  2. Ja, unfreundlich und irgendwie keine Widerrede duldend. Das kommt eben davon, wenn das umgangssprachlich häufig genutzte „godless“ zu übersetzen versucht 🙂

  3. Toll, jetzt fangen die Atheisten auch schon an zu missionieren? 🙂
    Warum nicht einfach jedem seine eigene Meinung lassen, warum will man immer andere davon überzeugen, dass man selbst recht hat.

    Zum Glück steht da nirgends sowas wie „Es gibt keinen Gott“, das wäre ja gegen die atheistischen Grundsätze.

  4. David, der Vorschlag C lautet „Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott“. Schau mal auf die Kampagnenseite.

    Aber mit Missionieren hat das nur bedingt zu tun. Es ist einfach so, dass (v.a. in den USA) christliche Sprüche und Motive sehr häufig sind und niemand etwas dagegen hat. Es gab einige Fälle, wo Werbeplakate von Bündnissen, die die Trennung von Staat und Religion und Rationalität fordern, abgenommen wurden. Siehe hier und hier.
    Und diese Buskampagnen zielen sowohl auf Diskussion ab, dass Christen mit Atheisten diskutieren als auch dass Leute, die sich nie darüber Gedanken gemacht haben, merken, dass sie eigentlich Atheisten sind und es nichts Schlimmes ist.

  5. Also ich oute mich mal als „gottloser“ Atheist und Unterstützer der englischen Aktionsvariante.
    Wie wäre es mit der Spruchvariante: „Das einzig göttliche steckt in uns…“?
    Ansonsten käme für mich der 1. Spruch in Frage.

  6. Eine interessante Kampagne, gerade im Hinblick darauf, dass ich viele Menschen kenne, die ähnlich denken. Ich persönlich denke da auch so wie David und habe mit „Gott“ kein Problem. Viel problematischer sind die Organisationen, die in seinem Auftrag unterwegs sind. Ob das dann Evangolen, Katholen, Juden, Moslems oder Hindus sind, spielt irgendwie keine Rolle. Die Insitutionalisierung von Glauben ist schlichtweg falsch, denn Glauben ist Privatsache.

  7. Willkokmmen, Fischkopp! Da sind wir ja wirklich nicht allein 😉 Die Sprüche geben ziemlichen Anlass zur Diskussion (man lese sich nur mal die Kommentare bei dem Beitrag von sapere aude und der Buskampagne durch).
    Das Problem ist wieder mal der (fehlende) deutsche Humor, denn das englische Original hat die Botschaft schön augenzwinkernd rübergebracht.

    Luto, das siehst du richtig. Doch wie die Geschichte gezeigt hat, ist es schier unmöglich, dass Glauben Privatsache bleibt.

  8. Hallo Basti, das Widget werde ich bei Gelegenheit einbauen (XML-konform), alleine schon um den Spendenfortschritt zu zeigen 😀
    Bei Facebook habe ich mich letzten Monat abgemeldet…

    David, da wäre ich mir nicht so sicher – je nach Strömung gibt es einige Götter. Aber warum erwähnst du das hier? Bist du Buddhist? Oder würdest du vorschlagen, eine Buskampagne in Südostasien zu starten?

  9. „Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben“ ist in meinen Augen – im Gegensatz zu den anderen Sprüchen – Humbug.

    Warum? „Glaube“ hat weder etwas mit Religion zu tun noch mit Gott. Ich kann an ein höheres Wesen™ glauben, ohne religiös zu sein. Oder ich glaube an Geld, Gold, Öl oder Frauen und Macht. Oder mich. Alles Glauben.

    Es sollte wohl eher das Wort „Glauben“ durch „Religion“ ausgetauscht werden. Beides in einen Topf zu werfen ist nicht weit genug gedacht.

    However, die Kampagne regt zum Nachdenken an. Über Menschlichkeit und religiösen Wahn, der oft genug verblendet.

  10. @ Julia: ich interessiere mich für alles fernöstliche, so auch für den Buddhismus.
    Wie wird man Buddhist? Das ist auf jeden Fall ein Konzept, dass mir zusagt.

    Der „reine“ Buddhismus kennt keine Götter, das ist nur da, wo er sich mit bestehenden Religionen vermischt hat. Einzig die Reinkarnation würde ich als Widerspruch zur Logik sehen aber daran muss man ja nicht glauben, wenn man nicht möchte.

    Buskampagnen würde ich gar nicht vorschlagen, kam das nicht schon durch, dass ich das falsch finde?
    Jeder soll seinen eigenen Weg finden, Werbung und Buskampagnen jeglicher Art haben doch nur das Ziel, Menschen von der eigenen Sache zu überzeugen.
    Das würde ein Buddhist niemals tun und ein richtiger Atheist auch nicht. Der ist nämlich schlau genug zu erkennen, dass es weder für noch gegen ein (oder mehrere) göttliches Wesen Beweise gibt.

    Verstehe nicht, warum ich Geld dafür spenden sollte, um andere vom Atheismus zu überzeugen.
    Man könnte auch „Sapere Aude!“ auf die Busse schreiben, was die gleiche Aussage hat, aber ohne die provozierende, antireligiöse Aussage.

    Ich persönlich würde niemals mit irgendwem über seine religiösen Ansichten diskutieren und sie ihm ausreden wollen. Ich finde, das steht mir nicht zu. Vor allem könnte ich keinen empirischen Beweis gegen Gott angeben. Weshalb auch noch niemand das Preisgeld für den Beweis der Nichtexistenz des FSM gewonnen hat.

  11. Martin, das glaube (!) ich doch, denn erstens ist deine Unterscheidung rein semantischer Natur und zweitens ist auch ein Leben, das dem Gott Mammon gewidmet ist, kein erfülltes Leben.
    Und ja, das „zum Nachdanken Anregen“ ist meiner Meinung nach die Hauptaufgabe der Kampagne.

    David, du kennst dich wirklich aus! Und ich finde schon, dass eine solche Kampagne wichtig ist, damit die Menschen erst mal darüber nachdenken. Die in Deutschland gewählten Sprüche sind dafür nicht ideal, aber das „jeder soll seinen eigenen Weg finden“ geht nicht, ohne sich darüber Gedanken gemacht zu haben. Viele trauen sich ja gar nicht erst, mal über den Tellerrand zu schauen, weil es so ungeheuerlich erscheint. Deswegen fand ich auch den Spruch „Du glaubst nicht an Gott? Du bist nicht allein!“ so gut.
    Dass du (und jeder) keinen empirischen Beweis für Gott angeben kann(st), bedeutet auch, dass keiner einen dafür angeben kann.
    Über Religion zu diskutieren, kann schnell schief gehen, aber auch gut. Jemand, der eine festgesetzte Meinung hat (und überzeugt ist, dass Gott sich im Baum vorm Fenster manifestiert und dass die Evolutionstheorie große Lücken aufweist), den kann man seine Meinung nicht ausreden. Aber mir geht es um diejenigen, die sich bisher wenig Gedanken gemacht haben oder sich nie getraut haben. Auch ich war bis vor einigen Jahren gläubige Katholikin, doch durch Nachdenken (und Informieren) bin ich zur Atheistin geworden.

  12. Als bekennender, gläubiger Christ stehe ich dieser Kampagne ehrlich gesagt mit gemischten Gefühlen gegenüber. Vor allem, weil die Slogans – wir ja hier auch schon geschrieben wurde – etwas unglücklich und somit tatsächlich recht provokant ausgefallen sind.

    Selbstverständlich steht jedem seine eigene Meinung zu und ich akzeptiere es, wenn jemand nicht an (einen) Gott glauben kann oder möchte. Aber ein bisschen geht es mir so wie David und ich verstehe nicht ganz die Notwendigkeit einer „Gegen-Mission“.

    Was die Kampagne versucht rüberzubringen ist sicher auch nicht falsch: warum soll ein erfülltes Leben nicht auch ohne Glauben möglich sein? Was mich „erfüllt“, das differiert sicher von Person zu Person. Und sicher gibt es auch gute Werke, die nicht „religiös motiviert“ sind, sondern aus einer humanitären Einstellung heraus resultieren und moralische und ethische Werte, die sich nicht direkt auf die 10 Gebote beziehen (auch wenn sie wahrscheinlich größtenteils mit diesen deckungsgleich sind).

    Ich kann nur für mich sagen, dass mein Glaube für mich persönlich eine Bereicherung ist und mein Leben keinesfalls angsterfüllt oder völlig fremdbestimmt, wie es auf der Willkommensseite der Buskampagne stellenweise suggeriert wird.

    Selbstverständlich bin ich auch nicht mit allem einverstanden, was „im Namen Gottes/des Glaubens“ schon getan wurde oder immer noch getan wird. Hier ist es auch wichtig nicht zu generalisieren und auch zwischen dem persönlichen Glauben und bestimmten Institutionen zu differenzieren.

    Zum Thema empirischer Beweis kann ich nur sagen: wenn es unwiderlegbare Beweise gäbe, dann wäre es ja „Wissen“ und nicht mehr „Glauben“ … 😉

    Und eine kritische und logische Betrachtung des Themas führt bei mir persönlich nicht unbedingt zu dem Schluss, dass es keinen Gott geben kann. Vielmehr halte ich es z.B. für nicht sehr wahrscheinlich, dass das Leben, der Mensch, unser Universum in seiner ganzen Komplexitat etc. alles nur durch reinen Zufall entstanden sein soll? Der Gedanke eines schöpferischen Geistes, der dies zu verantworten hat macht da für mich viel mehr Sinn …

    Falls die Kampagne – wie hier schon geschrieben – zum Nachdenken und zur Diskussion anregt, soll mir das allerdings recht sein! Denn ich finde es wichtig, dass die Anhänger unterschiedlicher Glaubensrichtungen in den Austausch miteinander treten. Ob es dafür allerdings unbedingt dieser Kampagne bedarf, das sei mal dahingestellt …

  13. @symbadisch: Ein sehr gelungener Beitrag, dessen Argumente ich zwar nicht immer so ganz unterschreiben aber dennoch aus durchaus nachvollziehen kann.

    Bei der oben angesprochenen Helpedia Geschichte verwundert mich, daß die Leute wohl etwas lieber ihr Geld für diese Busgeschichte geben als für wirkliche Hilfsprojekte. Auch eine Art zu demonstrieren was einem wirklich wichtig ist.

  14. Ich habe übrigens letztens bemerkt, dass die Mythologie/Religion bei Herr der Ringe so viel mehr Sinn macht, als das Christentum.

    Und zu dem Thema hier fällt mir ja noch ein, dass in Großbritannien das Jeditum als offizielle Religion anerkannt ist. Die sind also in Religionsfragen etwas offener, weshalb diese Kampagne vielleicht gerade da funktionieren kann.

  15. @Postpunk: danke. Das war ja sozusagen ein kleiner „Rundumschlag“ von mir. Einige Punkte und Argumente müsste man vielleicht auch etwas detaillierter diskutieren. Aber ich denke, ich konnte zumindest grob meinen Standpunkt darlegen.

    Ansonsten muss ich Dir aber auch beipflichten: ich fände es auch besser, wenn die Leute Ihr Geld lieber für säkulare Hilfprojekte spenden würden (so wie Du z.B. für Ärzte ohne Grenzen), anstatt für eine solche Kampagne. Ich habe mir auch überlegt, wo hierzulande eigentlich vergleichbare Werbung für Religion(en) zu sehen ist … eigentlich fallen mir da spontan nur Plakate für christliche Hilfswerke wie „Brot für die Welt“ oder die Diakonie ein. Und wenn jemanden die damit verbundene Weitergabe der christlichen Lehre/Werte stört, gibt es ja eine Menge der bereits angesprochenen säkularen Hilfsorganisationen, auf die man ausweichen kann.

    @David: könntest Du das mit der HdR-Mythologie etwas näher erläutern? Der HdR ist ja bekanntlich auch stark geprägt von christlichen Motiven …

  16. symBadisch, dein Satz zum Wissen und Glauben gefällt mir sehr gut 🙂
    Genau wie bei dir die kritische Betrachtung zu einem Gott führt, führt sie bei mir zu keinem. Und dass ich gerade deshalb ein erfülltes und sinnvolles Leben führen kann, hat zu dieser Entscheidung beigetragen.

    Postpunk + symBadisch, euer Vorschlag bzgl. wirklichen Hilfsprojekten ist sehr gut und ich selber bin auch aktiv dabei. Doch ich finde eine solche einmalige Aktion wichtig, damit ein Gegenpol aufgebaut wird, denn einerseits glauben immer weniger Menschen unumstößlich an Gott (stat. Bundesamt Link via SpOn-Artikel zur Kampagne) und andererseits gibt es immer aggressivere Maßnahmen von Kirchenvertretern (Stichworte: Kreuz im Klassenzimmer, Religionsunterrichtspflicht, Kopftuchverbot, Kreationismus im Unterricht,…).
    Und hier lasse ich die Trennung von Glauben und Kirche nur bedingt zu, denn das eine geht ohne das andere nicht. Dieser Meinung war ich auch mal, aber den privaten, gemäßigten Gläubigen gibt es nicht ohne den missionierenden, aggressiven, alles-Rationale-ablehnenden Fanatiker.
    Das wurde auch durch den (ziemlich krassen) Vorschlag der englischen Kampagne ausgedrückt:
    Science flies you to the moon. Religion flies you into buildings.

  17. Julia, Deine Entscheidung/Erkenntnis achte und respektiere ich. Trotzdem würde mich interessieren, warum gerade das Deinem Leben Erfüllung und Sinn verleiht? Das ist jetzt rein persönliches Interesse …

    Ich glaube, ich verstehe aber langsam, worauf es Dir bei dieser Kampagne ankommt.

    Trotzdem bitte ich, zu differenzieren und nicht die Fanatiker und Hardliner mit dem großen Rest in einen Topf zu werfen. Solche extremen Ausnahmen wird es aber leider immer geben, das ist wohl der menschliche Faktor …

    Bitte auch nicht die Kirchen generell gleichsetzen, auch hier gibt es z.T. wichtige Unterschiede. Ich selbst bin z.B. evangelisch und es gibt gute Gründe, warum sich Martin Luther seinerzeit von der katholischen Kirche distanziert hat.

    Das Thema Mission ist natürlich auch ein heißes Eisen. Ich bin auch kein Befürworter der „aggressiven“ Missionierung. Ich bin auch eher der tolerante Typ und sehe das so ähnlich wie David: wer bin ich, dass ich mich anmaße, dem Anderen einzureden, sein Glaube sei falsch und meiner der einzig richtige und wahre?

    Doch die Notwendigkeit der Mission an sich geht aus den Grundprinzipien des christlichen Glaubens hervor. Wenn ich daran glaube, dass es ein Leben nach dem Tod gibt (was ich tue!) und dass es dort nur 2 Alternativen gibt – mit Gott (Paradies, Himmel) oder ohne Gott (Hölle), dann muss es mir ein Anliegen sein, dies auch anderen Menschen weiterzugeben, denn ich möchte doch nicht, dass meine Familie und Freunde oder sonst irgendjemand die Ewigkeit „auf der falschen Seite“ verbringen muss. Allerdings liegt diese Entscheidung letztendlich für jeden Einzelnen bei sich selbst und wenn sich jemand dafür entscheidet, dies nicht zu glauben/anzunehmen, dann muss ich diese Entscheidung akzeptieren. Auch wenn es mir vielleicht weh tut. Aber zumindest sollte jeder die Chance bekommen, diese Entscheidung für sich selbst zu treffen.

  18. symBadisch, dann lege ich mal los 😀

    Sinn und Erfüllung im Leben wünscht und hofft jeder für sich. Klar. Gerade weil ich nicht an eine höhere Macht glaube, die mein Leben (mehr oder weniger aktiv) beeinflusst, will/kann/muss/darf ich aus eigener Kraft etwas aus meinem Leben machen (= ohne höhere Macht) und ich soll/kann/darf den unglaublichen Zufall nutzen, dass ich auf der Welt bin. Den Punkt mit der höheren Macht kann man als Christ nochmal differenzieren, d.h. „Gott hilft, wenn du dir selbst hilfst“ oder „Bete und Gott hilft“.

    Wie gesagt, die Unterscheidung von Fanatikern und dem großen (moderaten, freundlichen) Rest habe ich früher auch gemacht. Sie ist aber nur bis zu einem gewissen Punkt gerechtfertigt, denn ohne die Grundlage der Religion/des Glaubens würde es diese Hardliner nicht geben. Wenn es keine Dogmen geben würde, die Absolutheit verlangen („Keine anderen Götter neben mir.“) und das alleinige Recht auf Wahrheit beanspruchen, gäbe es auch die aggressiven Missionare nicht.

    Glaube und Religion sind im Laufe der Evolution entstanden und lassen sich damit erklären. Extrem ausgedrückt: Wer obrigkeitshörig ist und Angst vor erfundenen Geschichten hat, überlebt eher. Das mag ein erschreckender Gedanke sein („Glaube durch Biochemie erklärbar!“), doch ich halte diese Erklärung für glaub(!)würdig.

    Du glaubst an die Hölle und dass Ungläubige nach dem Tod dort hinkommen – damit gehörst du zu einer Minderheit von 12% (über 60% in D glauben an Gott, s. dieser Statistik-Beitrag). Immerhin bist du konsequent, denn an Gott und nicht an die Hölle glauben ist ein bequemer Ausweg des Rosinen rauspickens. Ich bin aber überzeugt genug von der Nichtexistenz Gottes und der Hölle, dass ich selbst den gewinnbringendsten Weg nicht gehe („Ich glaube, damit ich im Falle eines Lebens nach dem Tod auf der sicheren Seite bin.“).

    Kommen wir zum Schluss noch zu den verschiedenen Konfessionen. Du hast Recht, dass evangelisch zu sein noch ein wenig besser vereinbar mit dem Gewissen ist (Stichwörter: Pius-Bruderschaft, Papst) und als ich noch gläubig war, wollte ich evtl. konvertieren.
    Aber von all den Religionen in der Welt kann doch nur eine richtig sein, oder? Nehmen wir mal die monotheistischen Judaismus, Christentum und Islam, die zwar auf derselben Idee basieren und deren Schnittmenge nicht leer ist. Doch die Unterschiede sind unvereinbar und ein Großteil der Weltbevölkerung muss falsch liegen/an das Falsche glauben. Ich habe daraus den Schluss gezogen (zusammen mit der evolutionären Erklärung), dass es keinen Gott geben kann.

    Hoffentlich konnte ich dir meine Beweggründe verständlich erklären 🙂

  19. Danke, Julia, für die ausführliche Antwort. Ja, ich denke, ich kann Deine Beweggründe nun nachvollziehen.

    Und ich denke, Du hast Recht, dass ich mit dem, was ich glaube, mittlerweile eher einer Minderheit angehöre …

    Nunja, ich denke, wir sind uns einig, dass wir uns in diesem Punkt nicht einig sind … 😀

  20. HdR geprägt von christlichen Motiven? Aber mitnichten, mein Herr Symbadisch, mitnichten. Eher von der nordischen Mythologie.

    Alleine die Erschaffung der Welt macht so viel Sinn, weil die Widersprüche schon in der Mythologie geklärt werden.
    Die Welt war erst eine Scheibe, hat sich dann aber gewandelt. So haben alle Leute recht 🙂
    Und wenn man sich fragt, wo die mystischen Wesen heute sind: wird auch erklärt. Die Zwerge sind unter der Erde, die Elben haben unsere Welt verlassen…
    Das Ende von Mittelerde geht fließend in unsere Welt über.
    Mit christlichen Motiven meintest Du vielleicht eher die Narnia-Bücher?
    Herr der Ringe ist von der Edda, dem Beowulf und ähnlichen nordischen Sagen beeinflusst (die Zwergennamen stehen beispielsweise alle in der Edda, Gandalf bedeutet „Zauberelf“ usw.)
    Wüsste gerne, wo Du bei HdR glaubst, christliche Motive wiederzufinden. Hineininterpretieren kann man vieles, wenn Du da was findest war das mit 100%iger Sicherheit nicht von Tolkien beabsichtigt!
    Er hat ganz klar die Vermischung von Mythologie und Christentum seines Kollegen und Freundes Lewis in den Narnia-Geschichten verurteilt.

  21. Musste gerade bei einem Satz Julias an de Ringparabel denken 🙂 Diese Diskussion, welcher Glaube denn nun der richtige sei, ist vermutlich schon so alt, wie die Menschheit selbst.

  22. Aber mein Herr Kapitän, warum denn auf einmal so förmlich? 😀

    Mitnichten habe ich den HdR mit Narnia verwechselt, gleichwohl die christlichen Motive dort natürlich noch einmal wesentlich stärker ausgeprägt sind.

    Wie Du ja auch schon erwähnt hast, waren Tolkien und Lewis ja eng befreundet und laut Wikipedia war Tolkien ein maßgeblicher Einfluß bei Lewis‘ „Rückkehr“ zum christlichen Glauben. Tolkien war gläubiger Katholik und dementsprechend spiegelt sein Werk auch etliche christliche Konzepte wider (z.B. der epische Kampf zwischen Gut und Böse, Sauron als eine Art „gefallener Engel“ analog zu Luzifer/Satan, etc.).

    Ich möchte jetzt nicht noch weiter in’s Detail gehen, das würde wohl auch dem Umfang hier sprengen, empfehle Dir bei Interesse aber folgenden Artikel von REVOLUTION*ONE, sowie das PDF zum Buch „Der Ring und sein Geheimnis“, das in dem Artikel auch erwähnt wird (der Link im Artikel ist aber veraltet).

    Ich gebe Dir allerdings recht, dass man vieles Hineininterpretieren kann und ob das vom Autor tatsächlich so beabsichtigt war, das sei dahingestellt. (Das habe ich mich auch früher in der Schule öfters bei diversen Literaturinterpretationen gefragt …)

    Kurt Bruner erklärt in der Einleitung seines Buches allerdings ganz gut, was ich meinte:

    „Tolkien erzählte eine Geschichte. Sein christlicher Standpunkt zeigt sich von selbst. … Tolkien beschreibt in diesem Zusammenhang seine Erzählung als ein grundsätzlich religiöses Werk, das aus seinem eigenen Glaubensweg erwächst. Jede künstlerische Leistung war, wie Tolkien glaubte, ein Teil von ihm, und darum wurde auch sein Glaube Teil dessen, was er schuf.“ (Bruner/Ware, „Der Ring und sein Geheimnis“)

    Und auch im Epilog des Buches wird dieses Thema noch einmal aufgegriffen und erörtert …

Kommentare sind geschlossen.