Albumkritik: Glasvegas – Glasvegas

Nach über einem Jahr warten erscheint endlich das selbstbetitelte Debütalbum der Schotten Glasvegas. Wobei diese Zeitspanne willkührlich gewählt ist, denn vor gut einem Jahr entdeckte ich selber die Band und heute ist das Erscheinungsdatum des Albums in Deutschland. In Großbritannien erschien das Album letzten September und wer hier schon länger liest, wird mitbekommen haben[1], dass ich mir das Album damals besorgt habe und auch auf einem Konzert war (während meines England-Urlaubs).

Wie man aus diesen Zeilen herauslesen kann, haben die Glaswegians mich voll und ganz überzeugt mit ihrem ungewöhnlichen (Wall of Sound) Sound, den herzzerreißenden Texten und dem herrlichen schottischen Akzent. Sie wurden (in Großbritannien) ziemlich gehypt und haben entsprechend gegensätzliche Reaktionen hervorgerufen und wurden entweder als Retter der Musikwelt bezeichnet oder als total überschätzte Schmalspur-JAMC. Man möge sich selber ein Urteil bilden und dazu dient hoffentlich u.a. diese Albumkritik.

Zur Musik selber werde ich nicht bei jedem Song was schreiben, da es schon alles sehr ähnlich klingt nach Wall of Sound bzw. Surf Noise Pop oder wie auch immer die schlauen Herren der Musikpresse das nennen. Jedenfalls sehr charakteristisch und süchtig machend. Deshalb am besten die Last.fm-Albumseite aufrufen und die Songs nebenher laufen lassen.

  1. Flowers And Football Tops 4/5 Punkte Text Video Anhören
    Gleich zu Beginn wird klar, dass keine typischen Themen abgehandelt werden, denn hier wird der Mord an einem Teenager aus Sicht der Eltern geschildert. Und das Ausklingen mit You Are My Sunshine bricht einfach das Herz. Wem nicht, der braucht gar nicht weiterlesen. Wird die dritte Single werden, die im Februar erscheint.
  2. Geraldine 4,5/5 Punkte Text Video Anhören
    Mit der zweiten Single steigen wir tiefer ein in die sozialen Themen – mit einer Sozialarbeitern. Textlich hart an der Grenze zum Kitsch, aber mit diesem Akzent passen selbst so Zeilen wie

    When your feet decide to walk you on the wayward side
    Climbin‘ up upon the stairs and down the downward slide
    I will turn, I will turn your tide
    Do all that I can to heal you inside
    I’ll be the angel on your shoulder

  3. It’s My Own Cheating Heart That Makes Me Cry 4,5/5 Punkte Text Anhören
    Zum ersten Mal hält die Liebe als Thema Einzug. Jedoch geht es hier darum, sich selbst ganz offen als Fiesling und Lügner hinzustellen. Da kommen mir auch fast die Tränen! War vor dem Plattenvertrag als Single erhältlich mit einem Cover von Be My Baby als B-Seite. Göttlich!
  4. Lonesome Swan 3,5/5 Punkte Text Anhören
    Es wird etwas ruhiger bei dem Song des Albums, mit dem ich am wenigsten anfangen kann. Kommt live aber unglaublich emotional rüber und es geht wohl um Einsamkeit (haha) und dass es bald besser wird.
  5. Go Square Go 4,5/5 Punkte Text Anhören
    Und wieder richtig flott, wenn der Vater dem Sohne Beine macht, dass er sich gefälligst dem Bully der Schule stellen soll. Der Sohn ist wenig begeistert, aber irgendwann ist ihm alles egal und es heißt Here we fucking go! War die erste selbstveröffentlichte Single 2006.
  6. Polmont On My Mind 4/5 Punkte Text Anhören
    Wieder runter mit dem Tempo und es geht in den Jugendknast, wo nur der Mond Gesellschaft leistet.
  7. Daddy’s Gone 55/5 Punkte Text Video Anhören
    Der Song, mit dem alles anfing. Wird wohl auf ewig einer meiner Lieblingssongs bleiben. Mit dem Inhalt (abwesender Vater) kann ich mich zwar zum Glück nicht identifizieren, aber so ehrlich und herzerreißend (jaja) hat man das Thema selten präsentiert bekommen. Gab es zweimal als Single, erst selbstveröffentlicht und dann als zweite des Albums.
  8. Stabbed 4/5 Punkte Text Anhören
    Die Mondscheinsonate im Hintergrund und darüber Sprechgesang, fast schon ein Gedicht. Der fatalistische Text (I’m gonnae get stabbed) wird mit ruhiger Stimme vorgetragen. Die lange vorher bekannte Demoversion ist völlig anders, sehr viel schneller und mit Run, Rabbit, Run-Chants. Beim ersten Hören war ich entsetzt, da es so anders klang. Doch mittlerweile habe ich mich damit angefreundet.
  9. S.A.D. Light 4/5 Punkte Text Anhören
    Es geht um eine psychische Krankheit, ich glaube um Schizoaffektive Störung, aber S.A.D. ist eine „häufige“ Abkürzung. Jedenfalls wieder so richtig harter Tobak in sanfte Klänge verpackt.
  10. Ice Cream Van 4,5/5 Punkte Text Anhören
    Wir gehen wieder zurück in die Kindheit, diesmal im positiven Sinne. Und wenn man einmal gesehen hat, wie sich bei der Live-Version Sänger James Allan ans Herz fasst und beinahe umkommt vor Emotionalität (ich kann das beurteilen, ich stand einen halben Meter vor ihm), dann muss man diesen Song einfach lieben. Perfekter Abschluss für das Album, so dass man gleich alles nochmal hören möchte.

Weitere (professionelle) Albumkritiken sind auf der Wikipedia-Seite des Albums verlinkt und der interessierte Leser sei für die ausführlichere Lektüre dorthin verwiesen.

Ganze zehn Songs, die die Welt verrückt machen?! Nein, denn meines Wissens gibt es über 30 verschiedene Songs, die sich auf diversen B-Seiten (drei Singles zum Album und drei selbst veröffentlichte), die sog. Home Tapes[2], einige Coverversionen und die Christmas EP A Snowflake Fell and it Felt Like a Kiss[3] verteilen.

So, wer es jetzt nicht mehr aushalten kann, der möge im iTMS (€ 9,99 256kb/s ohne DRM – zwei zusätzliche Livetracks), im MediaMarkt (€ 9,99 -320 kb/s ohne DRM) oder bei Musicload (€ 12,95 320kb/s ohne DRM) zugreifen (bei 7digital gibt es nur eine Single). Oder alternativ die CD bei Amazon.de[Partner-Link] oder Amazon.co.uk[Partner-Link] erwerben.

PS: Nachdem ich nun so häufig Glasvegas beworben habe, würde mich mal Eure Meinung interessieren.

PPS: Schön, dass MediaMarkt jetzt auch Downloads anbietet (in sehr guter Qualität, DRM-frei, günstige Eröffnungsangebote), aber warum gibt es keine Möglichkeit direkt auf die Seite zu verlinken? Ich musste die komplizierte URL des Frames(!!!!) nehmen. Leute, das kostet Euch Umsatz!

  1. Kleine Untertreibung! Ich habe in fast 20 Artikel Glasvegas untergebracht. []
  2. 4 davon gibt es als Download []
  3. EP kann in D nur zusammen mit dem physischen Album als Import erworben werden – Download-Stores haben Ländersperren, im iTMS gibt es nur ein Video []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

11 Gedanken zu „Albumkritik: Glasvegas – Glasvegas“

  1. Im Intro gab es zum neuen Album ein Pro & Contra. Ich konnte irgendwie beide sehr gut verstehen.

    50% des Albums würde ich als durchaus gelungen bezeichnen und 50% als eher lieblos und schnell zusammengeschustertes Material. Durchaus eines der besseren neuen Alben, aber vielleicht nicht gaaaanz so fantastisch. Dafür ist es dann für meinen Geschmack wirklich manchmal etwas zu sehr abgekupfert.

  2. Du hast da sehr oft drüber geschrieben und ich habe es immer ignoriert, bis ich vor ca. 2 Wochen mal in das Album reingehört habe. Deine Begeisterung für Gone Daddy Gone konnte ich nach einmaligem Anhören nicht direkt nachvollziehen, wie ich Dir über Twitter schon schrieb, finde ich „Stabbed“ eigentlich ziemlich cool.
    Ansonsten war da kein Song auf dem Album, der mich auf Anhieb begeistert hat, allerdings gibt es manche Alben, bei denen ich erst nach mehrmaligem Hören merke, wie gut sie eigentlich sind. Frag mich in einer Woche noch mal 🙂

    (Ansonsten weißt Du vielleicht, dass ich den schottischen Akzent liebe und außer Colin Hay/Men at Work sonst leider nichts aus der Gegend kenne)

  3. Postpunk, mehrere Monate Frickelei nennst du lieblos zusammengeschustert?
    Ich finde es so abgekupfert nicht, aber andererseits falle ich immer auf ähnliche Musik rein 🙂

    David, Hartnäckigkeit zahlt sich aus! Ich frag dich wirklich in einer Woche nochmal!
    Zum schottischen Akzent: weiß ich ja, wie du beim Geburtstag von Paul McGillion schriebst. Es gibt eine Menge Gruppen aus Schottland (Glasgow: Franz Ferdinand, Travis, Belle & Sebastian, Fratellis, Aztec Camera, …), doch bei denen hört man den Akzent eben nicht raus.

    PS: Men at Work sind aus Australien!

  4. Men at work sind zwar aus Australien, der Sänger Colin Hay kommt aber aus Schottland, was man bei den alten Sachen auch noch hört. Achte z.B. bei song „Down Under“ mal auf die Worte, in denen ein „r“ vorkommt 🙂

    Hm, Travis, Franz Ferdinand und die Fratellis kenne ich, da fällt der Akzent aber wirklich nicht auf. FF habe ich sogar schon mal live gesehen, Anfang 2004 (und hätte mir heute fast das neue Album gekauft. Fast.)

  5. Ha, wieder was gelernt 😀 Ich habe den Akzent in Down Under immer für extrem seltsam gehalten, eher so Karibik. Darauf ein Vegemite Sandwich!

  6. Alle Commonwealth-Bewohner würden jetzt laut und begeistert „JA!“ (bzw „YES“) schreien, doch alle anderen (normalen) Menschen, denen das nicht von frühester Kindheit eingetrichtert wurde, verziehen nur entsetzt das Gesicht und rennen so schnell und weit weg wie möglich!
    (Konzentrierter Hefeextrakt?!? Bäh! Ist selbst in dünnster Konzentration auf frischem Toast nicht runterschluckbar.)

  7. Gucke ich morgen mal bei uns im „American&British Food“ Shop, ob die das haben.
    Ich finde schon die hochgelobte Erdnußbutter so widerlich, ich denke, vegemite wird mir nicht zusagen aber ich probiere immer gerne so Zeug aus 🙂

  8. Ich habe Glasvegas erst Anfang Januar kennen und lieben gelernt. Was für eine tolle Scheibe. Die Weihnachts-EP zeigt jedenfalls das diese Band wohl keine Eintagsfliege bleiben wird. Wer sowas in 8 Tagen zusammen schustert…Wahnsinn.

    Auch die B-Seiten sind wirklich wunderschön…wenn man auf solche Herzschmerzmusik steht. 😀

  9. Ich hab geheult, als ich flowers and football tops gehört hab 😐
    ich hatte schon die ganze zeit tränen in den augen, aber der schluss gab mir den rest.

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