Nachfolger-Debütalbum-Vergleich: Dirty Pretty Things – Waterloo to Anywhere/ Romance at Short Notice

Gerade erreichte mich die Nachricht, dass die Dirty Pretty Things sich auflösen und das nehme ich zum Anlass meine Serie Nachfolger-Debütalbum-Vergleich fortzusetzen. Gute drei Jahre hat sich die andere Libertines-Nachfolger-Band gehalten und nach der gerade laufenden Tour ist Schluss (Rückblick). Deswegen gibt es momentan Hippy’s Son wieder als kostenlosen Download (Voraussetzung: Anmeldung für den Newsletter, Nonsense-E-Mail möglich).

Aufmerksam gemacht auf die Band hat mich Roman Möller, der sie im Januar in seinem Last.fm-Blog erwähnte. Die beiden Alben habe ich mir dann einige Monate später angeschafft, als Romance at Short Notice erschien[1].

Waterloo to Anywhere (Debütalbum von 2006)

Was fällt dem Bookletjunkie als Erstes auf: nur hübsche Bildchen statt Texte! Das gibt leider einen Minuspunkt, denn auch wenn Carl Barât meistens verständlich singt, kommt er manchmal ums Nuscheln nicht herum. Zwar wird man auf die offizielle Seite verwiesen, doch da sind die Songtexte alle nur einzeln abrufbar (unter Discography) und das ist wesentlich unbequemer als das Schmökern im Booklet – vorausgesetzt man hat Internetzugang! Textlich ein sehr kriegerisches Album, aber auch ein paar Liebeslieder lassen sich finden. Stürzen wir uns ins Vergnügen:

  1. Deadwood
    Flotter Opener. Mitsingqualitäten, besonders gegen Ende.
  2. Doctors & Dealers
    Etwas ruhiger? Das täuscht! Dangelige Gitarre. Klingt sehr nach Libertines. Mag an der Stimme liegen.
  3. Bang Bang You’re Dead
    Rhythmisch gefällig mit Trompeten zum Einstieg. Song sollte bekannt sein. Ebenfalls hoher Mitgröhlfaktor.
  4. Blood Thirsty Bastards
    Der Nuschelfakor ist extrem, was nicht durch die verzerrten Gitarren verbessert wird. Hat aber was.
  5. The Gentry Cove
    Wieder etwas Gedangel und dazu Verzweiflung in der Stimme.
  6. Gin & Milk
    Ein bisschen Abwechslung mit eingeschobenen, düsteren Tönen. Ob die Forderung „Give me something to die for“ erfüllt wird?!

  7. The Enemy
    Wieder etwas melodiöser und alle Instrumente werden einmal durchgeschleust.
  8. If You Love a Woman
    Das Genuschele geht wieder los und das wenn es „I need a lover“ heißt.
  9. You Fucking Love It
    Hier geht noch mal die Post ab. Dauert aber nur kurz.
  10. Wondering
    Wieder mal melodiös, doch es wird nicht mehr viel Neues geboten und irgendwie klingt das ein wenig müde.
  11. Last of the Small Town Playboys
    Nochmal alle Instrumente ausprobiert und ein wenig die Stimme weinerlich in die Runde geworfen.
  12. B.U.R.M.A.
    Hier kriegen sie nochmal die Kurve und wir halten fest, dass das kein politisches Statement ist, denn wie der Text verrät und in der in der Indiepedia nachzulesen ist:

    Das Akronym B.U.R.M.A. steht für „Be Upstairs Ready My Angel“ und wurde als Abkürzung in Briefen von Zweitweltkriegssoldaten benutzt.

    Aha! Ist jedenfalls mein Favorit für dieses Album.

Mmh, das klingt jetzt so, als ob ich vom Album enttäuscht wäre und es langweilig fände. Ist aber nicht so, denn mir gefällt der Sound im Allgemeinen und die Stimme von Carl Barât im Speziellen sehr gut und wem es ebenso geht, der kann mit dem Debütalbum nichts falsch machen. Sollte man aber nicht den ganzen Tag hören. Meine Wertung: 3,5 von 5 Punkten

Romance at Short Notice (Nachfolgeralbum von 2008)

Hier sieht es bzgl. der Texte schon besser aus, auch wenn dieses handschriftliche Gekritzel im umständlich aufklappbaren Booklet noch weit vom Optimum entfernt ist.

  1. Buzzards and Crows
    Wieder so ein flotter Opener. Schön melodiös und mit Kirmessounds.
  2. Hippy’s Son
    Gerade wieder als kostenloser Download verfügbar (Link s.o.) und für mich der erste Kontakt mit diesem Album: Solide und etwas ruhiger als der Vorgänger, jedoch einigermaßen abwechslungsreich.
  3. Plastic Hearts
    Wir bleiben beim eher akustischen Gitarrenspiel und diese Melodie ist sehr ohrwurmverdächtig.
  4. Tired of England
    Trompetenklänge leiten diese seltsam-patriotische erste Single ein. Gute Wahl.
  5. Come Closer
    Fast schon hypnotische Zeilen, doch die Bridge reißt es wieder raus.
  6. Faultlines
    Jetzt voll auf Akustik. Fast schon wehmütig „The fights, they never end“. Diese dangeligen Gitarren dazwischen wirken etwas deplaziert, aber ansonsten ein echtes Highlight.
  7. Kicks or Consumption
    Oh, jetzt wird es nochmal flotter, geradezu rekordverdächtig. Der Gesang wirkt aber stellenweise distanziert, was bei mir Punktabzug bewirkt.
  8. Best Face
    Und jetzt wird gerappt, oder was?! Lässt zum Glück nach der ersten Strophe nach. Lobenswert diese Abwechslung.
  9. Truth Begins
    Dem Gesetz der Abwechslung folgend wird es jetzt wieder sehr ruhig und streckenweise reicht eine Akustikgitarre aus, denn „This is where the truth begins“.
  10. Chinese Dogs
    Und was gibt es jetzt? Richtig, schnelleres Gedröne (und Megaphon-Einlagen). Der Libertines-Gedächtnis-Song des Albums. Kann aber auch mein verwirrtes Musikgedächtnis sein.
  11. The North
    So und jetzt wird der ruhigem Gesang sogar noch mit Streichern unterstützt. Klingt fast nach Weihnachten, aber der Text passt nicht ganz dazu.
  12. Blood On My Shoes
    Beim letzten Song werden nochmal alle Register gezogen und es geht auf und ab. Allerdings ist der Schluss irgendwie nicht gelungen, so halbfertig.

Ein erstaunlich abwechslungreiches und auch tiefsinniges Album, das man sehr wohl den ganzen Tag hören kann. Definitiv ein Schritt vorwärts im Vergleich zum Debüt. Meine Wertung: 4 von 5 Punkten

Fazit: Das Debütalbum wird vor allem übergelaufenen Libertines-Fans gefallen und ist gut als Einstieg geeignet. Der Nachfolger hingegen zeigt, dass die Band sehr viel mehr Potential hat und es ist sehr schade, dass sie sich nicht noch mehr entwickeln können. Aber die einzelnen Mitglieder werden jetzt sicherlich nicht völlig mit dem Musizieren aufhören und wir dürfen gespannt sein, was da noch kommt.

  1. Man erinnere sich, dass ich von Januar bis März keine neuen CDs kaufen durfte. []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

3 Gedanken zu „Nachfolger-Debütalbum-Vergleich: Dirty Pretty Things – Waterloo to Anywhere/ Romance at Short Notice“

  1. Ich bin doch sehr traurig über die Auflösung der Dirty Pretty Things, da sie für mich eine der besten Indie-Bands der Gegenwart war. Ich hoffe sehr, das wir zumindest von Carl Barat bald in irgendeiner anderen Form etwas hören werden, der hat es drauf, finde ich – und zwar mehr als Pete Doherty. Komischerweise konnte ich mit den Libertines und auch den Babyshambles nie was anfangen.

    Vielleicht ist der Grund der Auflösung ja auch das schlechte Abschneiden des zweiten Albums? Das Debüt war in UK noch auf 3 (sogar Platz 43 in D), die neue Scheibe kam in UK nur auf 35. Während „Bang Bang, You’re Dead“ noch eine richtige Hit-Single war (Platz 3 in UK), blieb „Tired Of England“ auf Platz 54 hängen. Die zweite Single „Plastic Hearts“ hat gar nichts mehr gerissen, obwohl die Jungs meiner Meinung nach genau die richtigen Titel als Singles ausgewählt haben. Sehr schade!

  2. roman, der Carl hört doch nicht einfach so auf! Hast du dir eigentlich mal Yeti angehört? Noch eine Libertines-Nachfolger-Band und klingt auch nicht schlecht.

    Aber dass sie wegen fehlendem Erfolg aufgehört haben, glaube ich nicht. Es hieß eher, dass die Luft raus sei (was natürlich eine Ausrede sein kann).

  3. Ja, die habe ich schonmal gehört, fand sie aber nicht so prickelnd. Vielleicht ist das jetzt eine gute Möglichkeit, der Band noch eine Chance zu geben, bevor Carl mit neuem Material am Start ist!?

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