PIL- Metal Box, werter Leser…

So jetzt sitze ich also da und soll ein Posting für 49suns schreiben. Julia ließ anklingen, daß sie es gerne lesen würde wenn ich über ein paar dieser jugendlichen Gitarrenbands herziehe und offenlege warum das alles nur ein Abklatsch ist und daß das alles und viel besser schon einmal früher dagewesen ist. Nur eben in einer anderen Verpackung. Gut – ich könnte hier also nun einmal eine Abhandlung schreiben warum ich die Arctic Monkeys nicht ausstehen kann. Und warum ich sie für ein überschätztes, von der Plattenfirma gehyptes Projekt halte.

Genauso gut könnte ich aber hier auch vernichtende 50 Zeilen über die von mir innig gehassten Ich & Ich schreiben oder mich über das widerlichste Buch aller Zeiten auslassen.

Machen wir aber nicht. Kürzlich erhielt ich abends eine mündliche Resonanz auf ein Posting bei Postpunk.de. Man wies mich darauf hin, nicht immer alles so negativ zu sehen und auch mal etwas positives zu schreiben. Das will ich dann heute auch zum Anlass nehmen und Ihnen ein großartiges, einst wegweisendes Album präsentieren, das der Großteil der anwesenden Leserschaft wohl nicht in seinem Plattenschrank führt. Obwohl es sich sehr schick machen würde.

Die Rede ist von der zweiten LP von Public Image Limited (kurz: PIL), welche den durchaus berechtigten Namen Metal Box trägt! Berechtigt ist das in diesem Falle nicht aufgrund des Inhalts – PIL hatten sich zu der damaligen Zeit nicht kurzfristig entschlossen, übelsten Deathmetal runterzusemmeln – sondern aufgrund der Verpackung. Die Metal Box bestand nämlich damals aus 3x 12’ Singles, verpackt in einer runden Metallbox. Und genau das passte der Plattenfirma von PIL ganz und gar nicht. Die Kosten wurden als exorbitant im Gegensatz zu dem zu erwartenden Verkaufserlös eingestuft.
Aber wer waren eigentlich PIL? Pil bestanden zu dem damaligen Zeitpunkt aus einer Reihe täglich wechselnder Schlagzeuger, dem Bassisien Jah Wobble, dem Gitaristen Levene und dem nicht gänzlich unbekannten TAFKAJR, John Lydon, seines Zeichens der ehemalige Sänger der Sex Pistols

Mit den Sex Pistols allerdings hat diese großartige Platte, Gott sei gepriesen, herzlich wenig zu tun. Einzig und allein die markante Stimme Lydons nölt noch in bekannter Art kreuz und quer über die gesamte Platte. Diesmal allerdings nicht in der von den Pistols (Menschen in meinem Alter dürfen Pistols sagen!) bekannten, agressiven, menschenverachtenden Art sondern eher mantra-artig, hypnotisch und somit passend zu der dazugehörigen Musik. PIL machten Postpunk der ersten Generation. Plötzlich bediente man sich am Krautock der frühen 70er und Lydon verprellte die ganzen Punkrocker, die ihn noch vor wenigen Jahren vergöttert hatte.

Was macht dieses Album so herausragend? Zuerst einmal ist es das prägnante Gitarrenspiel Levens. Dieses Gitarrenspiel nahmen sich später Gitarristen wie The Edge von U2 zum Vorbild um es weiterzuentwickeln (bei U2?). Die Harmonien bei Metal Box sind für die heutige Zeit nicht neu. Damals war das anders! Heute sagen wir, daß das teilweise wie Sonic Youth klingt. Nein, Sonic Youth klingen heute wie damals Public Image Ltd. geklungen haben-

Zu den einzelnen Songs:

  • Albatros, das erste Stück auf Metal Box ist ein 10 Minuten Stück, welches vor allem durch den hypnotischen Gesang Lydons besticht. Schon hier hört man Akkorde und stakkatohaftes Gitarrenspiel, das später seinen Weg durch die Popmusik finden wird.
  • Beim nächsten Stück Memories fällt mir neben dem treibenden Schlagzeug im 2. Drittel vor allem die damals nahezu blasphemischen Krautrockelemente auf. Wie kann ein Punker nur zu Krautrockelementen singen?
  • Swan Lake hat natürlich klassische Elemente. Tschaikowsky? Ich bin da nicht so firm drin. Dennoch Klassik in Kombination mit Krautrock und Reggae ist eine Kombination, die nicht so häufig in der Musikgeschichte vorkommt. Und ist weitaus angenehmer als die grausame 90er Klassik – Rap Kombination.
  • Der nächste Song Poptones. Auch hier wieder für Krautrock charakteristische, endlose Gitarren- und Bassläufe während Lydon über einen Mord singt, der passiert während im Radio Poptones laufen. Einer meiner Favoriten. Ich kann nicht begründen, warum.
  • Careering das nächste Stück strahlt Kälte aus. Passend zum Text. Es kommen Synthesizer zum Einsatz, ganz getreu dem Punk-Motto. Oder wohl eher nicht!
  • No Birds, ein weiteres Vogel-Lied auf dieser Platte und plötzlich hört man wieder woher viele der nachfolgenden alternativen Gitarren Bands ihre Einflüsse herbekommen haben. Dennoch meiner Meinung nach ein eher schwächeres Stück. Auch wenn man ab einem gewissen Zeitpunkt „You do right, I do wrong“ erwartet. Can? Und zum Abschluß ertönt das Klavier.
  • Graveyard, das nächste Stück wirkt kalt, soll kalt wirken und ist kalt. Kein Gesang, nur Instrumente. Ich mag diesen Rythmus im Hintergrund ab dem 1. Drittel! Dennoch sehr kurz. Fast zu kurz!
  • The Suit ist ein Lied über den kleinen Bank- oder Versicherungsangestellten und sein langweiliges Leben. Hatten wir in anderer Instrúmentierung schon bei Careering. Ein Klischee, das von PIL natürlich sehr gerne genommen wird. Gesang, Text und Instrumentierung versuchen diese Langeweile noch zu unterstreichen. Klappt hervorragend!
  • Anonymität wird im nächsten Song Bad Baby thematisiert. Auch hier strahlt uns wieder Kälte entgegen! … Und das ist durchaus so gewollt!
  • Socialist überrascht mit einem punkigen Bass, der erstmals richtig in den Vordergrund tritt. Hier tritt nun definitiv eine gewisse Monotonie auf. Die ist gewollt. Warum, können wir wirklich nur ahnen.
  • Diese Montonie setzt sich im nächsen Lied mit dem durchaus berechtigten Titel Chant fort. Wir hören imHintergrund eine montone Stimme, die Love, War, Hate, Fear propagiert, während Lydon seine Botschaft über die Abgestumpftheit der Menschen kund tut.
  • Zum Abschluss folgt noch einmal ein Instrumental. Wiederum mit Synthesizern, die damals durchaus noch revolutionär waren. Zugegebenermaßen würden wir über den Sound heute nur noch lachen.

Metal Box kann durchaus beim Hören Schmerzen verursachen. Aber mit jedem Hören wird dieses Album großartiger. Textlich kann man da und dort natürlich einige Dinge bemängeln. Aber wenn man bedenkt, daß damals Orwells 1984 vor der Tür stand, dann kann man die Intention hienter den Texten durchaus verstehen. Sie ist heute wahrscheinlich immer noch aktuell, aber man gewöhnt sich ja an so vieles und neigt dazu, die damaligen Visionen und Vorbehalte als billiges Klischee zu bezeichnen. Oder wie Wiglaf-Droste irgendwann einmal behauptete: Das traurige an Klischees ist, daß sie immer zutreffen. Und wir lachen uns über die Visionen von Orwell kaputt und haben Schäuble im Nacken sitzen. Public Image Ltd. sind aktuell!

Metal Box galt in der damaligen Zeit als überproduziert und kalt. Kalt ist es! Beim Begriff „überproduziert“ lachen wir in der heutigen Zeit recht herzlich.
Dennoch: Musikalisch dürfen wir natürlich durchaus ein Problem haben. Nämlich, daß der durchschnittliche Hörer (und da schließe ich mich nicht aus) nicht mehr in der Lage ist, Alben durch mehrfaches Hören zu erobern. Sie sind catchy oder nicht. Wenn sie es nicht sind, dann haben sie es bei dem heutigen Überangebot und der permanenten Dauerberieselung schwer!

Für den Fall, daß jemand Interesse daran hat. Fooderstomp.com ist eine unglaublich unfangreiche P.I.L. Fanseite, die einen Besuch wert ist.

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

Ein Gedanke zu „PIL- Metal Box, werter Leser…“

  1. Gut beschrieben – dem kann ich nur beipflichten. Höre Metal Box immer wieder mal und das schon seit vielen Jahren!

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