Nachfolger-Debütalbum-Vergleich: The Fratellis – Costello Music / Here We Stand

Wie letzten Monat angekündigt starte ich eine neue Albumkritik-Serie, bei der ich das Debütalbum und den Nachfolger vergleiche. Den Anfang machen ein paar sympathische Schotten, die sich als Brüder ausgeben und The Fratellis nennen. Geboten wird stimmungsmachender Indierock mit Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir der Name zwar schon öfter über den Weg lief, ich aber erst im Januar so richtig auf die Band aufmerksam wurde[1]. Doch besser spät als nie und die Fratellis dürfen diese Serie eröffnen, weil sie mir so ausgesprochen gut gefallen. Und weil bei beiden Alben vorbildlicherweise die Texte im Booklet stehen[2].

Costello Music (Debütalbum von 2006)

Der Opener Henrietta ist äußerst ohrwurmig und selbstreferenziell („Dear Henrietta we’re just three lonely boys“, „These are crazy times down at Costello Music“) und Flathead kann mit Zeilen wie „Bara bap bara ra ra ra bara bap bara ra ra ra….“ glänzen. Dann folgt mein Lieblingsstück Cuntry Boys & City Girls, das stotternd beginnt und sich dann zu einem Singalongsong entwickelt.

Eine Verschnaufpause gibt es bei Whistle For The Choir, das eine ziemlich präsentable, geradezu hookige Melodie hat. Da kann Chelsea Dagger noch einen draufsetzen und es macht einfach Spaß da zuzuhören. Allerdings sollte man das Booklet nicht zum Englisch lernen verwenden, denn es steht dort „Chelsea Chelsea I believe that when your dancing“[3]. Bei For The Girl werden wieder geniale Texte à la „And all the while the girl sang la la lal la she sang“ vorgestellt.

Die zweite „Hälfte“ (von 13 Songs) beginnt mit dem schwermütigen Doginabag, was durch das mit Klatschern untermalte Creepin Up The Backstairs wieder ausgeglichen wird. Und bei Vince The Lovable Stoner (Vince, der liebenswerte Kiffer) gibt es dann twangige Gitarren.

Im Abschlussquartett wird nochmal alles geboten und es wird garantiert, dass man auf jeden Fall das Album immer komplett hören möchte. Könnte der Grund dafür sein, dass es Stoff für sechs Singles gegeben hat (siehe Discography).

Fazit: Das Album ist recht ausgewogen (wenn ein Song gefällt, dann alle) und zum Mitsingen animierend. Ich würde alle Songs bei 3,5 bis 4 von 5 Punkten einordnen, wobei Cuntry Boys & City Girls mir am besten gefällt und deswegen 4,5 Punkte bekommt.

Here We Stand (Nachfolger von 2008)

Wer die Songinfos „straight from the horse’s mouth“[4] haben möchte, dem sei Jon Fratelli’s Track by Track-Beitrag im Bandblog empfohlen.

Das zweite Album wurde verschiedentlich als zu kommerziell und gefällig eingestuft, doch was kann man gegen ein Gute-Laune-Album sagen, das nie langweilig wird? Ich habe beide Alben Dutzende Mal hintereinander gehört und sie gefallen mir immer noch. Recht gut ausgedrückt wird das in der NME-Albumkritik[5]. Nun aber zu meinem detaillierten Eindruck.

Erfreulicherweise bietet das neue Album sogar drei 4,5-Punkt-Kandidaten und gleich der Opener My Friend John ist einer davon. Dichte Gitarren und eine catchige Melodie – so überzeugt man mich! Bei A Heady Tale wird noch ein Klavier eingestreut und Shameless gebe ich erneut die Fast-Höchstpunktzahl für die Ohrwurmqualitäten.

Danach folgt die zweite Single Look Out Sunshine!, die am nächsten Montag erscheint und etwas Rhythmus-lastiger daherkommt. Stragglers Moon dagegen ist etwas düsterer und die Harmonien klingen irgendwie gruselig. Doch dann folgt schon das fröhliche Mistress Mabel (1. Single), dessen Text angeblich völliger Unsinn sein soll. Aber macht Laune!

Danach folgt Jesus Stole My Baby, das wegen dem angeblich heiklen Thema nicht auf der US-Version enthalten ist. Da kann man nur den Kopf schütteln und sich freuen, dass man in Europa nicht so pingelig ist. Als Erholung von der „Kontroverse“ startet Babydoll akustisch und ist generell etwas ruhiger. Tell Me A Lie dagegen beginnt fast schon Smoke-on-the-water-like und bringt das Blut wieder etwas ins Wallen.

Das letzte Songtrio wird durch Acid Jazz Singer eingeleitet und wir werden von Gitarren in verschiedenen Variationen verwöhnt, was bei dem Titel etwas verwundert. Lupe Brown bietet dann noch mal hohes Mitsing-Potential, bevor mit Milk And Money der leider schwächste Song das Album abschließt.

Fazit: Gefällt mir tatsächlich besser als das Debut, weil die Melodien noch catchiger sind und es ein bisschen mehr Abwechslung gibt.

Weiterführende Links

Albumkritiken zu Costello Music: allmusic (4/5), NME (8/10), Pitchfork (5,5/10), Stylus (Note B)
Albumkritiken zu Here We Stand: AbsolutePunk (77%), allmusic (3,5/5), Drowned in Sound (3/10), Y!Music (8/10), NME (7/10)
Anhören: alle Titel von Costello Music und Here We Stand in kompletter Länge
Nachlesen: alle Fratellis-Texte bei LyricWiki
Angucken: komplettes Konzert als Stream (via)

  1. Wissenswerkstatt – Musikalische Highlights » Die Songs des Jahres | Ranglisten des Jahres 2007 – II []
  2. Wie ich schon mehrfach erwähnte, halte ich das Vorhandensein der Texte im Booklet für essentiell und das sollte beim Verkauf der CD genauso angegeben werden wie Preis, Titelliste und Laufzeit. []
  3. Es sollte you’re dancing heißen. []
  4. = direkt aus erster Hand []
  5. Nicht erschlagen! Die Online-Ausgabe des NME ist meiner Meinung nach besser als sein Ruf. []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker