Moral und Religion (Richard Dawkins – The God Delusion / Gotteswahn)

Die folgende Buchbesprechung von The God Delusion (dt. Gotteswahn) mit dem Fokus auf ein bestimmtes Thema (Moral und Religion) wollte ich eigentlich schon vor Monaten machen, habe sie aber aus Faulheit immer weiter aufgeschoben. Nun hat René/Nerdcore gestern ein Video mit dem Titel Stupid Design gebracht, weil er gerade das Buch liest. Die sich in den Kommentaren anschließende Debatte habe ich zum Anlass genommen, doch noch das Buch vorzustellen.

Den Schwerpunkt Moral und Religion habe ich gewählt als Antwort auf einen (auch schon älteren) Beitrag bei Sajonara, der als Reaktion zur Atheismus als Gretchenfrage-Blog-Parade geschrieben wurde, bei ich teilgenommen habe (Liste aller Teilnehmer). Der Autor Alexander Trust nimmt sowohl die Blog-Parade (Warum so wenig Resonanz?) als auch die einzelnen Beiträge auseinander. Bei meinem kritisierte er, dass Moral und Religion eben doch zusammen gehören, was ich bestritten habe.

Und mit diesem (fehlenden) Zusammenhang können wir endlich den Bogen spannen zum Buch von Richard Dawkins. Darin werden nämlich einige Studien angesprochen, wo untersucht wurde, ob moralische Grundsätze erst durch religiöse Erziehung gelehrt werden oder ob das ein menschlicher Instinkt ist und völlig unabhängig von Religion.

Im Buch ist das sechste Kapitel dieser Frage gewidmet: The roots of morality: why are we good? Dawkins fängt damit an, dass es für viele religiöse Menschen schwer vorstellbar ist, wie man ohne Religion gut sein kann bzw. sogar gut sein möchte. Ich finde, dass das nur eine minderwertige Art von Gutsein ist, denn sie folgt aus dem Gehorsam gegenüber einem höheren Wesen und aus Angst vor Bestrafung[1]. Ist es nicht viel mehr wert, wenn dieser Antrieb aus dem Menschen selber kommt? Evolutionsbiologisch gibt es mehrere Gründe, altruistisch und moralisch gegenüber Anderen zu sein und deswegen haben sich diese Eigenschaften durchgesetzt und zwar unabhängig, d.h. vor der Entwicklung von Religion (S. 251 der englischen Taschenbuchausgabe)[2]:

We now have four good Darwinian reasons for individuals to be altruistic, generous or ‚moral‘ towards each other. First, there is the special case of genetic kinship. Second, there is reciprocation: the repayment of favours given, and the giving of favours in ‚anticipation‘ of payback. Following on from this there is, third, the Darwinian benefit of acquiring a reputation for generosity and kindness. And fourth, if Zahavi[3] is right, there is the particular additional benefit of conspicuous generosity as a way of buying unfakeably authentic advertising.
Through most of our prehistory, humans lived under conditions that would have strongly favoured the evolution of all four kinds of altruism.

Weiterhin wird das Buch Moral Minds: How Nature Designed our Universal Sense of Right and Wrong angesprochen (noch kein deutscher Titel). Darin veröffentlicht der Evolutionsbiologe Marc Hauser seine Ergebnisse von statistischen Umfragen und psychologischen Experimenten zur Moral. Zusammen mit dem Philosophen Peter Singer untersuchte er, ob die Antworten von Atheisten und religiösen Menschen sich unterschieden, wenn sie Fragen zu moralischen Dilemmata gestellt bekamen. „Überraschenderweise“ konnten keine statistisch signifikanten Unterschiede festgestellt werden. Die Ergebnisse sind als vierseitiges PDF verfügbar (Harvard Cognitive Evolution Library Publications).

Neben der Moralfrage werden natürlich noch andere Aspekte des „Gotteswahns“ und der Religion behandelt. Teilweise geht Dawkins ziemlich weit mit seinen Annahmen, z.B. dass Religion grundsätzlich falsch ist und dass selbst der moderate persönliche Glaube Gefahren birgt. Manches Mal fand ich seine Formulierungen etwas extrem, doch wenn man es bei Tageslicht betrachtet, ist der gleichzeitige Glaube an die Bibel und dass die Erde viereinhalb Milliarden Jahre alt ist, nicht vereinbar. Abgesehen davon enthält das Werk viel zu viele Widersprüche, als dass man es als Anleitung für den persönlichen Glauben gebrauchen könnte, denn das Rauspicken der Rosinen gilt nicht! Wie weit man damit übereinstimmt, ist Jedem selbst überlassen, doch ich finde, extreme Meinungen auf beiden Seiten sind nicht gut und man sollte sich seine eigene bilden.

Und deshalb ist das Buch auf jeden Fall lesenswert, ob nun Atheist oder nicht. Wer sich generell für das Thema interessiert, dem seien die Blogs von JLT/Evil under the Sun, dem Misanthropen und der Brights-Blog empfohlen. Und wer vor viel Output und generell wissenschaftlichen Themen (und dem Englischen) nicht zurückschreckt, sollte gleich bei PZ Myers‘ Pharyngula vorbeischauen.

In diesem Sinne freue ich mich auf eine sachliche Diskussion.

  1. Seltsam in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass in Deutschland 34% an einen Himmel, aber nur 12% an die Hölle glauben. Siehe Evil under the Sun – Religion und so in Deutschland []
  2. Hat jemand die deutsche Version zur Hand? Wäre sehr dankbar für die übersetzte Version. []
  3. Amotz Zahavi, israelischer Evolutionsbiologe, der die Theorie des Handicap-Prinzips aufstellte. Erklärung und Beispiele im Wikipedia-Artikel. []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

4 Gedanken zu „Moral und Religion (Richard Dawkins – The God Delusion / Gotteswahn)“

  1. Da fällt mir doch gleich mein Lieblingszitat ein:

    „How do you know you’re GOD?“
    „Simple. When I pray to Him, I find I’m talking to myself.“

    Peter O’Toole in „The Ruling Class“, 1972

  2. Das mit dem Herauspicken der Rosinen trifft es wirklich gut. Das machen ja auch die gläubigen Menschen. Die Bibel widerspricht sich in etlichen Fällen, aber das ist ja solange egal, solange man das nicht erwähnt oder damit abtut dass sie ja nun auch nur von Menschen aufgeschrieben und übersetzt wurde. Ich liebe ja solche Totschlagargumente ^^

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