Linkschleuder: Gedanken zu Musikindustrie, DRM, Urheberrechten, Vertriebsmodellen

Diese Woche sorgte ein offener Brief an die Bundeskanzlerin für Aufsehen. Worum es geht steht bei heise online:

Rund 200 teilweise prominente Künstler haben einen vom Bundesverband Musikindustrie verfassten offenen Brief an Angela Merkel unterzeichnet, in dem die Bundeskanzlerin aufgefordert wird, sich für den Schutz des geistigen Eigentums einzusetzen und das Thema „zur Chefsache“ zu machen. Anlass des offenen Briefs, der am morgigen Freitag als ganzseitige Anzeige in der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der tageszeitung erscheinen soll, ist der von der World Intellectual Property Organization (WIPO) ausgerufene „Tag des geistigen Eigentums“, der am Samstag (26. April) ansteht.

Von vielen Bloggern (die ich als internetaffin und in dieser Hinsicht realistischer und fortschrittlicher denkend einschätze) wird die Aktion eher kritisch beurteilt (bis hin zum Boykott der 200 Künstler) und auch ich finde, der Brief zeigt, dass „die“ es versäumt hat, sich den „neuen“ Gegebenheiten anzupassen.

Einige Zitate aus lesenswerten Beiträgen möchte ich hier präsentieren, sozusagen als Empfehlung zum Weiterlesen. Ich möchte nicht behaupten, von der wirklich umfassenden Materie genug Ahnung zu haben, um eine objektive Sicht der Dinge präsentieren zu können und ich glaube nicht, dass das irgend jemand könnte, denn genaue Zusammenhänge sind schwer bis gar nicht herzustellen (auch die Zahlen in dem offenen Brief scheinen nicht fundiert zu sein, s.u.).

Lukas bringt es gut auf den Punkt in Angie, they can’t say we never tried:

Da kann man ja regelrecht froh sein, dass es zu Zeiten von Goethe und Beethoven noch kein böses, böses Internet gab. Das gab es erst bei DJ Ötzi, Mickie Krause, Atze Schröder und Peter Wackel.

René veröffentlicht den Brief und schreibt eine Antwort:

Restlos alle ihre Bemühungen, Internet-Piraterie zu unterbinden sind gescheitert und werden weiterhin scheitern. Hören Sie endlich auf, sich in Ihrer beknackten Opferrolle heimisch zu fühlen und gleichzeitig zu behaupten, die Zahlen der P2P-Nutzer würde sinken. Denn es stimmt nicht. Monetarisieren Sie endlich die vorhandene, funktionierende und vor allem einfache Technologie und machen Sie Schluß mit ihren Bemühungen, den Nutzern umständliche, proprietäre und indiskutable Lösungen zu präsentieren. Es tut mir ja leid, dass die Zeiten vorbei sind, als Sie darüber bestimmten, wie und wann Musik gehört wurde. Get over it!

Der Nachtwächter schreibt gar von Propaganda der Content-Industrie. Er zieht den Vergleich zur Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, „eine informationstechnische Neuerung[…], deren gesellschaftliche Auswirkungen bis heute nachwirken.“ und er wundert sich über die Zahlen, die in dem Brief genannt wurden:

Mir kommt sie [die Frage] sehr wohl auf, und ich frage die dreisten werten Herren Autoren dieses offenen Briefes, woher diese Zahlen eigentlich stammen. Man wird doch dort wohl nicht etwa heimlich das Fernmeldegeheimnis missachten und verdeckt den Netzverkehr »abhören«, oder? :mrgreen:

Nein, wenn man nur kurz darüber nachdenkt, fällt sofort auf, dass diese Zahlen völlig aus der Luft gegriffen sein müssen. Umso. Übler. Ist die an sich schon üble Aktion, die sich nicht schämt, plump manipulative Mittel zu benutzen.

Der Beitrag schließt mit einem offenen Brief an Frau Merkel, der insofern bemerkenswert ist, als dass der Verfasser ebenfalls Musik macht (und zur freien Verfügung stellt), dabei aber im Internet einen unverzichtbaren Vorteil sieht.

Ich gehe davon aus, dass Sie die große Einseitigkeit dieser plakativen und rhetorisch recht üblen Darstellung der Musikindustrie selbst durchschauen können. Doch ich wünsche mir darüber hinaus sehr, dass Sie in unmissverständlicher Weise zu dieser unerträglichen Verunglimpfung der aktiven Gestalter des deutschsprachigen Internet und der Kulturschaffenden in Deutschland Stellung nehmen und diesem allzu einseitigen und eindeutigen Versuch der Vertretung wirtschaftlicher Interessen der Musikindustrie eine angemessene Abfuhr erteilen.

Tom will in Zukunft die Musik-Mafia und speziell die 200 Künstler boykottieren.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich solidarisiere mich keineswegs mit den „Saugern“ und deren Selbstbedienungsmentalität, für gute Musik entrichte ich gerne meinen Obulus, denn ich weiß sie wertzuschätzen! Ich käme auch nicht auf den Gedanken, „illegal herunterzuladen“ was die Major-Label größtenteils produzieren, das ist mir noch nicht mal den Strom wert, den der Rechner dabei frißt!

Dass DRM leider immer noch als das Mittel der Wahl angesehen wird, konnte man heute bei golem.de nachlesen, weil der Bitkom eine Broschüre dazu herausgegeben hat.

Welche Modelle haben Zukunft?

Nachdem wir also den aktuellen Anlass abgearbeitet haben, wenden wir uns möglichen Lösungen zu. Ich habe mal einige Beiträge, die ich in den letzten Monaten als lesenswert zu dem Thema markiert habe, zusammen getragen.

Klar ist, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann und dass wir uns in einer Zeit des Umbruchs befinden. Vielleicht endet es mit einem großen Knall, dass plötzlich die ultimative Lösung gefunden wird, die alle zufrieden stellt. Aber da es in diesem Spiel sehr, sehr viele Parteien mit gegensätzlichen Interessen gibt, wird das wohl nicht passieren. Und es wird Verlierer und Gewinner geben bzw. einige, die es besser haben werden als heute und umgekehrt.

Ausgereifte Gedanken dazu hat sich nicorola gemacht im Beitrag Mein Traum: Musik online hören und kaufen, wo er die Kriterien aufzählt für

[…] einen richtig guten Onlineshop. Ein Portal für Musik. Wo ich alles von einem und über einen Künstler finde. Mir Musik anhören, weiterempfehlen, entdecken und bei Bedarf auch kaufen kann.

Strukturiert und hoffnungsvoll auch die Ratschläge im Spreeblick, damit die Musikindustrie doch noch ins 21. Jahrhundert schaffen kann

Statt nun auf die einzelnen Ärgernisse der Selbstdarstellung des Verbands im Detail einzugehen und damit jeden Leser in den garantierten Schlaf zu schicken, stellt Spreeblick, Deutschlands musikindustriefreundlichstes Blog, meine Vorstellungen einer neuen Ausrichtung der Branche zur Diskussion.

In die Zukunft geblickt hat Lukas und beschreibt die Vergangenheit der Musikindustrie

Die wenigsten Jugendlichen, die heute Musik hören (und das sind laut neuesten Umfragen 98% der Europäer), werden wissen, welches Jubiläum dieser Tage begangen wird: Vor 25 Jahren schloss SonyUniversal, die letzte Plattenfirma der Welt, ihre Pforten. Ein Rückblick.

Viel zitiert hat auch René in seinem Beitrag What about the Artist? vs Musikblogs retten die Musikindustrie, wo er meint

[…] das läuft irgendwann auf eine Mixtur aus MySpace, LastFM und die Hype-Machine in Kombination mit iTunes und dem Amazon-MP3-Store hinaus, die Promotion für Alben und Tracks läuft über tausende mehr oder weniger große Musikblogs (siehe auch Andreas: Musikblogs retten die Musikindustrie), die eben auch musikalische Nischen besetzen können, den non-physischen Vertrieb der Bands, die dort nach oben geschwemmt werden, übernimmt Apple und Amazon, bei Erfolg gibt es ein zusätzliches physisches Signing bei einem der Majors.

Jerikos zwei Cents zum Wandel der Musikindustrie beginnen mit den Beispielen von Radiohead und Nine Inch Nails und er nimmt dies zum Anlass, eine Voraussage zum Wandel zu machen:

Das ganze Geschäft befindet sich im Moment in einem Umbruch; unsere Generation ist mit dem Internet aufgewachsen, wir kennen es teilweise gar nicht mehr anders, und über kurz oder lang wird der Vertrieb von Musik auf Datenträgern nur noch ein Nischengeschäft sein, während das wirkliche Geld im Netz gemacht wird.

Jeriko hat übrigens auch den exzellenten Music Lessons-Artikel von Seth Godin übersetzt.

Und dann war da noch die famose Idee mit den 1000 echten Fans:

A creator, such as an artist, musician, photographer, craftsperson, performer, animator, designer, videomaker, or author – in other words, anyone producing works of art – needs to acquire only 1,000 True Fans to make a living.

Nun viel Spaß und Aha-Erlebnisse beim Durchstöbern des umfangreichen Lesestoffs.

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

4 Gedanken zu „Linkschleuder: Gedanken zu Musikindustrie, DRM, Urheberrechten, Vertriebsmodellen“

  1. In der neuen SPEX gibt es diesbezüglich ein hervorragendes Interview mit Christoph Gurk, ehedem Mitherausgeber der SPEX. Den genauen Inhalt hier jetzt wiederzugeben würde den Rahmen sprengen, aber jeder der sich für diese Thematik interessiert, sollte da mal einen Blick drauf werfen.

    Bei all den prominenten(?) Unterzeichnern dieses offenen Briefes, weiß man denn ob der Schnuffelhase auch unterzeichnet hat? Er gehört doch bestimmt auch zum schützenswerten Kulturgut. Bekommen die Unterzeichner jetzt auch ein Jamba-Abo? Und wieso bezeichnen sich Scooter als Teil der „Kunst- und Kreativwirtschaft“? Wieso unterzeichnen BAP, Udo Lindenberg, Peter Maffay und Toni Kater? Haben die Angst um ihre CD-Verkäufe? Die verkaufen seit Jahren nichts mehr, weil sie einfach ihren Zenit überschritten haben! Da hätten ja auch Schobert & Black und Gaby Baginski und Gunther Gabriel unterschreiben können!

    Diese ganze peer-to-peer-Kacke geht doch zu Lasten der kleinen und mittlereren Indie-Labels. Denen tut es richtig weh, weil sie ihre Läden schließen müssen und die können sich ja noch nicht mal wehren. Aber das ist den großen Plattenfirmen ja sogar Recht. Sind eben mal ein paar Konkurrenten weniger unterwegs.

    Ich boykottiere die Unterzeichner nicht! Sie waren von jeher uninteressant für mich, da sie für mich sowieso nicht unter die Rubrik „Kunst“ fallen.

  2. Postpunk, gibt es das Interview (oder Teile davon) auch in der Onlineausgabe? Auf die Schnelle habe ich nichts gefunden.

    Bzgl. Indielabels: Ich würde sagen, die hat es einfach nur früher erwischt als die Majors. Das Internet kann hier eine neue Chance bedeuten, die frühzeitig ergriffen werden muss.
    Sag ich jetzt mal so, denn nichts genaues weiß man nicht. Für die einen kann es der große Wurf sein, für die anderen die große Katastrophe.

  3. Den Artikel gibt es meines Wissens nur in der Printversion.

    Bzgl. der Pleitewelle bei Indielabels habe ich eine höchst unpopuläre Theorie, die ich hier aber nur kurz ansprechen werde.

    Ich habe bei den Konsumenten von Indie-Musik (was auch immer Indie ist?) das Gefühl, daß denen oftmals der Geldbeutel weitaus näher ist als die Verpflichtung eine gewisse Gegenkultur durch den Kauf der von ihnen favorisierten Produkte am Leben zu halten.

    Meines Erachtens sind die Indie-Labels so sehr von den Kunden, bzw. deren moralischen Einstellung abhängig, daß gerade diese Labels hart an der gegenwärtigen Entwicklung zu knabbern haben. Der Niedergang von Hausmusik sollte hier ein mahnendes Beispiel sein. Hier wurde sicherlich nicht die digitale Revolution verschlafen. Der Unterschied zu den großen Firmen ist eben, daß die kleineren Labels sicherlich nicht diese Lobby bei den großen Rundfunkanstalten haben und deshalb noch mehr daran zu knabbern haben, daß sie eben keine großen Stücke vom Gebührenkuchen abbekommen.

    Dessen sollte sich der Konsument bewusst sein und diese Labels durch Kauf von Produkten unterstützen und nicht diese in peer-to-peer-Börsen verbreiten. Labels, wie z.B. Labrador, aber auch Hausmusik früher, bieten dem interessierten Kunden so viele kostenlose Download-Möglichkeiten an, daß eine Verbreitung in peer-to-peer-Börsen meines Erachtens höchst unfair ist.

    Hat aber alles nichts mit dem offenen Brief an Angie zu tun, ich weiß! :mrgreen: Mir geht da oftmals nur etwas die Hutschnur hoch, da Musik industrie eben nicht nur die großen Konzerne sind, sondern auch die vielen kleinen Labels.

  4. Dein Kommentar passt wunderbar, ich hab den Beitrag ja nicht nur auf den Brief bezogen, sondern diesen nur als Anlass für die gesamte Thematik.

    Und deine Theorie klingt sehr vernünftig (auch wenn sicherlich viele Idealisten widersprechen würden :mrgreen: ).

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