Die Gretchenfrage: Wie einfach ist Atheismus?

Religion bzw. Nicht-Religion ist ein heikles Thema und man behält besser seine Meinung für sich. Auch ich würde darum eigentlich lieber einen Bogen machen, weil es ein sehr persönliches Thema ist und man sehr leicht missverstanden werden kann und/oder anderen auf die Füße treten kann. Doch es haben sich einige Gründe angesammelt, warum ich dieses Tabu heute hier brechen werde.

Auslöser: ein Buch
Um das Buch, um das es hier geht, habe ich lange einen Bogen gemacht und gezögert, es zu lesen. Ich bin ein großer Fan von Richard Dawkins (habe schon mehrere Bücher von ihm gelesen), doch The God Delusion (dt: Gotteswahn) schien mir zu endgültig. Da ich mich nun aber entschieden hatte, das Buch zu lesen, war klar, dass ich es hier vorstellen würde, weil ich finde, dass es eine Empfehlung wert ist und egal wie man zum Thema steht, auf jeden Fall gelesen werden sollte. Eine gesonderte Vorstellung des Buches werde ich machen, wenn ich es ausgelesen habe.

Beschleuniger: zwei Blog-Paraden
Noch habe ich das Buch nicht fertig gelesen, doch es laufen momentan zwei Blog-Paraden, die sich mit dem Thema Religion bzw. Atheismus beschäftigen und da möchte ich unbedingt mitmachen. Die erste nennt sich Eine gottlose Veranstaltung und soll eine „Blogparade von Atheisten, für Atheisten und über atheistische Themen“ sein (läuft noch bis Mittwoch, 5. März; es können auch ältere Beiträge eingereicht werden). Die zweite ist allgemeiner gefasst und behandelt Gretchenfrage und Gotteswahn, benannt nach einem Zitat aus Faust („Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“) und dem Buch von Dawkins (läuft noch bis Montag, 10. März).

Verstärkung: drei Beiträge
Neben zwei Beiträgen zur Gretchenfragen-Parade (bei Andreas und Sebastian) hat mich vor allem Konna’s Religionsartikel (der eine Menge langer Kommentare auslöste) darin bestärkt, diesen Beitrag hier zu schreiben.

Wie einfach ist Atheismus?

Jetzt habe ich das Wort „einfach“ im Zusammenhang mit Atheismus schon zum zweiten Mal verwendet und es ist vielleicht nicht ganz klar, was ich damit meine. Es ist einerseits die Einfachheit, die das Konzept Atheismus bedeutet („Ich glaube an keine höhere Macht.“), aber vor allem die einfache Logik, die unweigerlich und unbeirrbar zu diesem Konzept führt bzw. führen sollte („Aus wissenschaftlicher Sicht ist dies die einzige Erklärung.“).

Dieser letzte Teil war der Grund, warum ich so lange zögerte das Buch zu lesen. Ich weiß eigentlich, dass es keinen Gott gibt und auch die Aussicht, dass mit dem Tod alles vorbei ist, schreckt mich nicht, aber meine Erziehung und die Gewohnheit sträuben sich dagegen. Ich bin nicht übermäßig religiös aufgewachsen, aber der Glaube hat mich begleitet und mir zeitweise viel bedeutet.

Stichwort Glaube und Religion: Hier gilt es einen wichtigen Unterschied zu machen, denn Glaube und Religion sind zwar miteinander verwandt, aber keinesfalls gleich zu stellen! Immer wieder werden Beispiele angeführt, dafür dass der Islam schädlich sei (Verurteilungen zum Tode und Gefängnisstrafen wegen „Nichtigkeiten“) und diese Argumente werden angeführt sowohl von Atheisten, die Religion allgemein für gefährlich halten, als auch von Angehörigen anderer Religionen, die ihre Religion für die einzig wahre halten.

Diesen Themenbereich möchte ich hier nicht weiter ausführen, sondern bewusst ausklammern, weil das für meine persönliche Entscheidung über Atheismus nur eine untergeordnete Rolle spielt. Im Folgenden rede ich also über persönlichen Glauben und nicht die verschiedenen Religion(sgemeinschaft)en als solche.

Glaube als Voraussetzung für gute Taten?

Sind die Aussicht auf Belohnung oder Bestrafung im Jenseits wirklich gute Gründe, warum ich mich moralisch und ethisch verhalte? Sind Moral und Ethik nicht unabhängig davon, an wen ich glaube? Sollte das nicht selbstverständlich sein? Ich finde den kategorischen Imperativ

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

vom Philosophen Immanuel Kant viel einleuchtender als die Zehn Gebote oder die Goldene Regel

Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu.

die in verschiedenen Versionen als ethisch-moralische Grundlage vieler Religionen dient. Was auffällt ist, dass der kategorische Imperativ positiv formuliert ist, er sagt, was man tun soll. In den Zehn Geboten und der Goldenen Regel dagegen wird gesagt, was man unterlassen soll.

Ein Argument für bzw. gegen bessere Moral durch Glaube kommt aus dem PEW Center on the States-Bericht One in 100, wonach einer von 100 erwachsenen Amerikanern im Gefängnis sitzt. Im sog. Bible Belt im Süden (benannt nach der starken Religiosität der Bevölkerung) ist der Prozentsatz am höchsten[1]. Auf den finanziellen Wahnsinn und die himmelschreiende (!) Unlogik, die dahinter steht, möchte ich hier nicht eingehen, denn das würde den Rahmen endgültig sprengen und gehört auch nicht zum Thema.

Festzuhalten bleibt, dass für mich der Glaube kein notwendiger Bestandteil für „gutes“ Verhalten ist und seit meinem Austritt aus der Kirche letztes Jahr spende ich die eingesparte Kirchensteuer an eine gemeinnützige Organisation (Idee von Crosa).

Von Kirchensteuern und Spenden ist es nicht weit bis zum Thema Missionierung. Speziell christliche Missionsarbeit geschah oft aus der Überzeugung, dass den ungläubigen Wilden geholfen werden müsse, weil die armen Schäfchen ja sonst zur Hölle verdammt wären. Die schlimmen, weitreichenden Folgen sind bekannt. Dieser Religionschauvinismus ist schrecklich und wenn die drei großen Religionen endlich über ihren Schatten springen würden, gäbe es eine Menge weniger Krieg und Leid auf der Welt.

Jetzt vermische ich ein wenig die Begriffe Religion und Glaube, obwohl ich das vermeiden wollte. Aber das Gegenargument eines gemäßigten Gläubigen ist immer, dass man doch jeden machen lassen solle, wie er möchte und dann gibt es auch keine Kriege. Theoretisch ist das richtig, doch leider sieht man in der Praxis, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

Auf diesen Aspekt werde ich bei meinem Beitrag über das Buch von Dawkins noch einmal eingehen. Deswegen soll es hier mit dem nächsten Thema weitergehen.

Gläubige Wissenschaftler: ein Paradoxon?

Im Buch im Kapitel 3 Arguments for God’s Existence im Abschnitt The Argument From Admired Religious Scientists führt Dawkins mehrere Quellen von Studien an, die zeigen, dass der Anteil Nichtreligiöser bzw. Ungläubiger unter Wissenschaftlern wesentlich höher ist als in der vergleichbaren Bevölkerungsgruppe und dass Religion negativ korreliert mit dem Bildungsstand, Interesse an Wissenschaft und politischem Liberalismus[2].

Wo sehe ich mich nun selber? Ich würde mich als werdenden Atheisten bezeichnen, denn wie ich oben schon sagte, gibt es eigentlich keine andere Möglichkeit, aber das ist ein langer Prozess. Die über Jahre eingebrannten Gedanken sind nicht einfach auszuradieren und noch vor wenigen Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich mich je als Atheisten sehen würde. Wer dagegen schon früh die Erkenntnis erlangt, dass es keinen Gott gibt, der kann innerhalb eines Nachmittags zum Atheisten werden, wie Ricky Gervais und seiner Argumentation kann ich nur zustimmen (meine Übersetzung im Anschluss):

[T]he gifts of my newfound atheism. The gifts of truth, science, nature. The real beauty of this world. Not a world of design, but one by chance. I learned of evolution–a theory so simple and obvious that only England’s greatest genius could have come up with it. Evolution of plants, animals, and us–with imagination, free will, love, and humor. I no longer needed a reason for my existence, just a reason to live. And imagination, free will, love, humor, fun, music, sports, beer, and pizza are all good enough reasons to live.
But an honest life–for that you need the truth. That’s the other thing I learned that day, that the truth, however shocking or uncomfortable, in the end leads to liberation and dignity.
Die Geschenke meines neu entdeckten Atheismus. Die Geschenke der Wahrheit, der Wissenschaft und der Natur. Die wahre Schönheit dieser Welt. Keine Welt nach Entwurf, sondern eine nach Zufall. Ich habe von der Evolution[stheorie] erfahren – eine Theorie, die so einfach und offensichtlich ist, dass nur Englands größtes Genie sich das ausdenken konnte. Die Evolution von Pflanzen, Tieren und uns – mit Vorstellungskraft, freiem Willen, Liebe und Humor. Ich brauchte nicht länger einen Grund für meine Existenz, nur einen Grund zu leben. Und Vorstellungskraft, freier Wille, Liebe, Humor, Spaß, Musik, Sport, Bier und Pizza sind alles gute Gründe zu leben.
Aber ein ehrliches Leben – dafür brauchst du die Wahrheit. Das ist die andere Sache, die ich an diesem Tag gelernt habe, dass die Wahrheit, egal wie schockierend oder unangenehm, am Ende immer zu Befreiung und Würde führt.
(via)

Diesen weisen Worten kann ich mir nur anschließen und schließe damit diesen langen Artikel und hoffe auf eine angeregte, aber sachliche Diskussion.

Nachtrag nach Beendigung von *eine gottlose Veranstaltung*: JLT hat eine ausführliche und sehr vorbildliche Vorstellung aller Beiträge zusammengestellt. Da werden wieder einige Blogs in meinen Feedreader landen und das Wochenende verspricht eine interessante Lektüre.

Nachtrag nach Beendigung von Gretchenfrage und Gotteswahn: Zunächst eine Auflistung der Beiträge beim Misanthropen und weil er vorbildlich zwei Dateien mit den Links (mit/ohne Listentags) beigefügt hat und es nicht so viele Teilnehmer waren, gibt es hier eine Auflistung:

  1. Der Bericht machte in dieser Woche die Runde, siehe Telepolis, deutsche Welle, SpOn und zeitsturz []
  2. Studie über Nobelpreisträger: Beit-Hallahmi and Argyle, The Psychology of Religious Behaviour, Belief and Experience (1997)
    Studie über Mitglieder der National Academy of Sciences: Larson and Whitham, Leading Scientists still reject God, Nature 394, 1998, 313
    Amerikanische Bevölkerung und die intellektuelle Elite: http://leaderu.com/ftissues/ft9610/reeves.html
    Studie zu Fellows of the Royal Society: Cornwell and Stirrat, manuscript in preparation
    Korrelation von Religion und Bildungsstand: Michael Shermer, How We Believe (1999) []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

9 Gedanken zu „Die Gretchenfrage: Wie einfach ist Atheismus?“

  1. Also ich lehne Religion zu tiefste ab und sehe Religion als Verantwortlichen für ziemlich viel Scheiße die auf diesem Planeten abgelaufen ist und immer noch ablauft ich sag nur AIDS in Afrika und die Katholische Kirche die denen verbietet Kondome zu benutzen aber das ist nur ein Beispiel und ich will gar nicht mit dem Islam anfangen oder denn ganzen andern Scheiß. ich halte Religion für eine Wurzel des Übels auf der Welt aber was fast noch schlimmer ist sind diejenigen die sagen „ich glaub nicht an Gott aber lass doch die andern machen was sie wollen“ aber das ist falsch die bauen ununterbrochen Scheiße und verarschen die Menschen und ihr sagt das man über Religion nicht diskutieren sollte. ich hasse das das Religion so ein Thema ist über das man nicht streiten kann weil die Gläubigen dann einfach sagen ja das ist so und dann ist die Diskussion zu ende und hat nichts gebracht. ich bin absolut gegen die Tabuisierung der Religion als Streitthema. Also ich denke ihr merkt das mir Religion nicht nur egal ist ich verabscheue sie. :kopfwand:
    es gab übrigens eine interessante Sendung auf FreeFM zu dem Thema „Religion als Wurzel allen Übels“ und die haben so was von Recht also ein Hören auf alle fälle wert
    http://ulm.ccc.de/dev/radio/detail?id=102

  2. Toller Artikel erstmal! Ich möchte an einer Stelle einmal nachhaken: Du schreibst „Ich weiß eigentlich, dass es keinen Gott gibt […]“ – woher weißt du das? Kann man das wirklich wissen? Oder bist du nur selbst überzeugt davon, dass es so ist und hast es als Wissen angenommen?

    Ansonsten stimme ich mit dir in vielen Punkten überein, du hast ja meinen Artikel gelesen (freut mich übrigens, dass der mit ein Grund dafür war, dass du das hier geschrieben hast). Ich halte auch nicht viel von Missionierung etc. und sehe es kritisch, andere Religionen zu verdammen und schlecht zu machen. Jeder sollte nach seiner Fasson glücklich werden, solange er keinem anderen damit schadet.

    Bei der Sache mit Ethik und Moralvorstellungen stimme ich mit dir überein, das muss nicht durch die Religion kommen.

    @Fred: Ob deine Ansicht so richtig ist, finde ich mehr als fraglich. Es hört sich ein bisschen so an, als würdest du am liebsten Religionen verbieten lassen und als müsste man alle religiösen Menschen zum Atheismus führen. Doch wird der Atheismus dadurch nicht in dieselbe Schiene wie die Religionen gerückt, wenn er sich so mit den Religionen anfeindet?
    Außerdem ist deine Sicht etwas einseitig. Die Religionen haben zwar viel Mist gebaut und tun es auch immer noch, aber für die eigenen Anhänger wird auch viel gutes getan und sie bieten Menschen, die keine Hoffnung und keine Zuflucht mehr haben einen letzten Rettungsanker.
    Im Umkehrschluss wird auch von Atheisten viel „Scheiße“ verbrochen, nur weil es dort keinen „Deckmantel“ wie eine Religion gibt, ist das nicht weniger schlimm.

    Wollte ich nur mal loswerden, nächster bitte! 😉

  3. Fred, danke für deinen Kommentar (obwohl es ein paar weniger Fäkalausdrücke auch getan hätten 😉 ), aber dein Argument habe ich doch oben (wenn auch in anderen Worten) genau so gegeben.
    Die Radiosendung werde ich mir die Tage mal anhören und wenn es passt, werde ich das in meinen Beitrag über das Buch einbinden.

    Konna, ja, das Wissen über die Nichtexistenz einer höhreren Macht habe ich nach reiflicher Überlegung angenommen und deswegen fiel es mir auch so schwer, das Buch zu lesen, weil es meine Überzeugung bestärkt hat, obwohl ich das irgendwie nicht wahr haben wollte. Das habe ich mit dem Begriff Paradoxon zu umschreiben versucht.
    Ich werde auch das in der Buchbesprechung noch stärker zu erklären versuchen.

  4. Das Blöde ist ja wirklich dass sich niemand sicher ist, natürlich weiß ich dass es keinen Gott gibt. Aber man kann es ja nicht beweisen. Und zu Diskussionen mit Gläubigen sag ich mal dass Fred da Recht hat, es ist unmöglich. Sie lassen sich ja genausowenig aus ihrer Ecke herausargumentieren wie wir uns. Und wenn man mit Logik und Wahrscheinlichkeiten anfängt ist es sowieso aus, weil ein Gläubiger da natürlich nicht mithalten kann. Sein Wissen beschränkt sich auf ein Buch und tausende Deutungen desselben und keine Wissenschaft.
    Lustig finde ich nur immer wieder dass man solche Leute, vor allem wenn sie nicht sehr gut argumentieren können zu immer mehr Eingständnissen zwingen kann. Ein Kumpel behauptet zB von sich er wäre gläubig, aber was er nun genau glaubt weiß ich nicht. Bei Sachen wie Evolution macht er natürlich einen Rückzieher, aber die Hölle gibt es trotzdem. Dafür dass es sie dann aber anscheinend gibt lebt er doch sehr ungezügelt. Er müsste schon in selbiger landen bei seinen Taten im Leben ^^
    Wenn dann solch eine Diskussion fast gewonnen ist, dann kommt auf einmal „Ach, das ist einfach so, die meisten Menschen glauben an etwas, warum sollen alle irren…und niemand kann beweisen dass es keinen Gott gibt…“ also zurück auf Los, man bewegt sich immer im Kreis.
    Mir ist es aber auch nicht so wichtig, ich weiß was ich denke und das reicht mir. Jeder soll glauben was er will, ich mach mich ja genug drüber lustig ^^ Angst machen mir nur immer wieder Fundis.

  5. Sehr guter Artikel, nicht zu lang und doch umfangreich.

    @ GIGI DAG :

    Natürlich kann man die nichtexistenz nicht beweisen, ebenso wie man die Existenz nicht beweisen kann.

    Warum muss umbedingt jemand etwas beweisen,der nicht daran glaubt ?
    Ich denke,hier wird andersherum ein Schuh draus.

    Und wenn es einen Gott gäbe,dann kann man es wie die Ignostiker sehen: „Ich weiß nicht, ob es irgendwelche Götter gibt, und es würde auch keine Rolle spielen.“ Quelle:Wikipedia.

    Wenn es einen Gott geben sollte, oder viele, oder alle, dann werde ich dies noch früh genug erfahren.

    Mal ganz einfach gesagt, ich glaube nicht dran, aber wenn es doch so ist,dann lasse ich mich nach meinem Tode einfach mal überraschen falls es doch so sein sollte.

  6. Das ist dann einfach mein Risiko, aber wenn ein Gott exestiert,so wie er in den großen Büchern beschrieben ist,dann wird er/sie/es sicherlich so gütig sein und mich in sein himmelreich lassen.

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