„Wissenschaftlich“ bewiesen: Unterkunft in Pyramiden senkt Stress

Man mag es kaum glauben, aber diese obskure Begebenheit wurde von drei Indern in wissenschaftlichen Tests mit Ratten (angeblich) bewiesen. Wenn man sich die drei dazu veröffentlichten Paper durchliest, kann man nur den Kopf schütteln und sich darüber wundern, dass erstens die Paper von den Zeitschriften angenommen wurden und zweitens wie jemand auf die Idee kommt, so etwas wissenschaftlich beweisen zu wollen. Beispiele gefällig?

Aus dem Abstract des ersten Papers mit dem Titel Effect of housing rats within a pyramid on stress parameters[1] (meine Übersetzung im Anschluss):

The Giza pyramids of Egypt have been the subject of much research. Pyramid models with the same base to height ratio as of the Great Pyramid of Giza, when aligned on a true north-south axis, are believed to generate, transform and transmit energy. Research done with such pyramid models has shown that they induced greater relaxation in human subjects, promoted better wound healing in rats and afforded protection against stress-induced neurodegnerative changes in mice.
Die Pyramiden von Gizeh sind ein häufiger Forschungsgegenstand. Modellpyramiden mit den gleichen Verhältnissen von Grundfläche zu Höhe wie die Pyramiden von Gizeh, die genau entlang der Nord-Süd-Achse aufgestellt werden, sollen Energien erzeugen, umformen und übertragen können. Forschungen mit solchen Modellpyramiden haben gezeigt, dass sie bei menschlichen Versuchspersonen einen höheren Grad der Entspannung hervorrufen und bei Mäusen die Wundheilung fördern und Schutz gegen stressinduzierte neurodegenerative Änderungen bieten.

Hört sich toll an, nicht wahr? Ab sofort sollten alle Krankenhäuser in Pyramidenform gebaut werden, wobei natürlich auf die genaue Ausrichtung und das richtige Grundfläche-zu-Höhe-Verhältnis geachtet werden muss!

Die Wichtigkeit der Nord-Süd-Achse wurde dreieinhalb Jahre später im dritten Paper mit dem Titel Influence of alignment of the pyramid on its beneficial effects[2] explizit untersucht, welches in der gleichen Zeitschrift veröffentlicht wurde[3].

Leider sind von diesen beiden Papern nur die Abstracs verfügbar, aber das zweite ist frei verfügbar (bei PubMed Central und Oxford Journals) und wurde in einer Zeitschrift mit dem etwas widersprüchlichen Namen Evidence-based Complementary and Alternative Medicine veröffentlicht[4].

Ich empfehle unbedingt mal einen Blick auf dieses Juwel der Wissenschaft zu werfen. Im Abschnitt Materials and Methods findet man auch ein Bild von der Pyramide. Ich finde es seltsam, dass zwar das exakte Gewicht der Ratten angegeben wird, aber nicht die Anzahl pro Versuchsgruppe (Kontrolle ohne Stress, Stress im Käfig, Stress in Pyramide, Stress in quadratischer Box).

Richtig interessant wird es bei den Results. Dort finden wir fünf Diagramme mit je vier Balken, die verschiedene Hormonwerte anzeigen. Die vier Balken resultieren aus den vier Versuchsgruppen, in die die Ratten eingeteilt wurden. Hier finden wir den versteckten Hinweis, dass es 13 Tiere pro Gruppe sein müssen. Mir fällt auf, dass bei jedem Diagramm je zwei Balken die exakt gleichen Werte haben: einmal die stressfreie und die Pyramidengruppe und einmal die im Käfig gestressten bzw. in der Box gestressten Ratten. Ist sowas statistisch möglich? Keine noch so kleine Abweichung? Bei je 13 Ratten in einer Gruppe?

Natürlich kann das auch alles rechtens sein und ich bin völlig verblendet durch den ganzen Stress, den mein jahrelanger Aufenthalt in Gebäuden mit aufrechten Wänden verursacht hat!

Zum Abschluss noch ein Hinweis, wie ich auf die Artikel aufmerksam wurde. Diese Woche habe ich jemandem von dem Fall mit dem „Kreationisten-Mitochondrien-Paper in Proteomics“ (Links s.u.) erzählt und dass im Blog von P.Z. Myers alias Pharyngula (ein ScienceBlogger) mehr dazu steht. Derjenige hat sich dann ein wenig mit der Materie befasst und ist so auf die Ratten-in-Pyramiden-Trilogie gestoßen und hat mir davon erzählt. Leider habe ich keine weiteren (Blog-)Beiträge zu dem Thema gefunden, aber die Geschichte mit den Mitochondrien ist noch viel interessanter. In dem eingereichten, aber mittlerweile zurückgezogenen Paper wollen Kreationisten die Endosymbiontentheorie widerlegen und haben sich dafür kräftig bei einem anderen Paper bedient. Bei Pharyngula gibt es dazu folgende Beiträge (in chronologischer Reihenfolge):

  1. A baffling failure of peer review
  2. The controversy expands
  3. One author responds
  4. A most unsatisfying solution
  5. Author opens mouth, exposes wackiness

Für einen kürzeren Überblick empfehle ich diesen (unabhängig davon veröffentlichen) Blog-Beitrag.

  1. Indian J Exp Biol. 2003 Nov;41(11):1289-93. Erklärung: veröffentlicht im Indian Journal of Experimental Biology im November 2003 im Band 41 auf den Seiten 1289 bis 1293 []
  2. Man beachte den bestimmten Artikel. Soll das bedeuten, die Leser wissen genau, um welche Pyramiden es sich handelt? []
  3. Indian J Exp Biol. 2007 May;45(5):455-8. []
  4. Evid Based Complement Alternat Med. 2007 Mar;4(1):35-42. Epub 2006 Jul 26. []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

3 Gedanken zu „„Wissenschaftlich“ bewiesen: Unterkunft in Pyramiden senkt Stress“

  1. Manche Leute kommen schon auf seltsame Ideen, was sie alles „wissenschaftlich“ nennen wollen…

    Obwohl, ich kann bestätigen, dass der Aufenthalt direkt unter einem Dach-Giebel (45°), in West-Ost-Richtung ausgerichtet, weniger stressig ist als weiter südlich: unter ersterem ist mein Wohnzimmer mit Fernseher etc., unter letzterem mein Arbeits-Schreibtisch. :mrgreen:

  2. Das ‚Pyramiden-Thema‘ kommt immer wieder mal hoch. Angeblich soll auch in Pyramiden Fleisch langsamer verderben (Ohne Kühlung). Erich von Däniken lässt grüssen!

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