Die Summe. Eine Begebenheit. Satire von Hermann Kant

Durch Zufall bin ich an dieses Buch gekommen, das sich einerseits interessant anhörte, aber andererseits auch „anstrengend“. Das Buch stammt aus einem Büchereibestand und die zugehörige Karteikarte klebt im Umschlag. Dort heißt es (sehr treffend):

In Budapest trifft sich ein internationales Gremium, um eine Kulturkonferenz vorzubereiten. Die staatlich beauftragten Delegierten simulieren in einer Art Rollenspiel ihre verschiedenen Interessen, dabei wird die Vetracktheit solcher Begebenheiten solcher Begegnungen parodiert. Erzählt wird das Ganze aus der Sicht des DDR-Vertreters, der nebenbei im östlichen Konsumgüterwunderland auch noch ganz besondere Haarspangen für seine [Enkel]Tocher auftreiben soll[1]. Eine gespielte Satire auf das Verhältnis von Kultur und Politik im allgemeinen und die Ost-West-Beziehung im besonderen.

Über den Autor konnte ich ein wenig in Erfahrung bringen, im Gegensatz zum Buch selber. In der Who’s Who-Biografie erfährt man einige Eckdaten über Hermann Kant und Die Summe. Ein Begebenheit wird in einem Nebensatz erwähnt. Im Wikipedia-Artikel über Hermann Kant dagegen wird das Buch völlig ignoriert. Dort wird allerdings erwähnt, dass er sein Abitur an der ABF Greifswald nachgeholt hat und wir damit Kommilitonen im weiteren Sinne sind/waren.

Mittlerweile ist der politische Hintergrund ja ein anderer, doch dadurch gewinnt das Buch noch mehr, denn man es als auch als Geschichtsdokument betrachten. Allerdings ist es nicht leicht zu lesen, weil es keine Unterhaltungsliteratur ist. Der Beginn fiel mir sehr schwer, denn der Schreibstil und die Satzkonstrukte sind recht eigenwillig und man muss beim Lesen tatsächlich mitdenken! Außerdem fehlen sämtliche Anführungszeichen, man muss also aufpassen, wann wer etwas sagt.

Als Beispiel möchte ich eine Seite zitieren. Ich habe mich für die Seite 49 entschieden, denn es heißt ja, man soll sich eine zufällige Seite vornehmen, um zu entscheiden, ob man ein Buch mag oder nicht. Allerdings habe ich mir erlaubt, zwei Zeilen der vorherigen Seite und zwei Wörter der nachfolgenden Seite zu übernehmen, damit die Sätze vollständig sind. Zum besseren Verständnis der folgenden Zeilen sei gesagt, dass der DDR-Vertreter (der ich-Erzähler) Schleede heißt und der BRD-Vertreter Poensgen.

Als ich die Tür von Zimmer 422 hinter mir schloß, öffnete sich die von 423, und heraus auf den Gang trat Herr Poensgen, Tischnachbar und Zimmernachbar also auch.
Nett, diese Ungarn, sagte er, so vorurteilsfrei. Was meinen Sie, Herr Schleede, wird es eine lange Nacht?
Ich fürchte, ja, sagte ich, und ich wußte: Was sich nun noch weiter dehnen würde, waren die Wochen dieses Aufenthalts. Ostgote und Westgote Wand an Wand, das mußte uns beide in Verlegenheit bringen. Zwar benahm man sich ohnehin, als seien die Spiegel Fensterscheiben, aber so, nur durch ein Hotelmäuerchen getrennt, würden sich Schleede und Poensgen auch nicht aus den Ohren verlieren.
Ich war zum Vorschlag versucht, einer von uns solle sich in eine andere Etage tauschen, aber wußte ich, auf welche Antwort der rheinische Mensch verfiel? Hingegen wußte ich, wie sich das als Anekdote machte, und vor allem wußte ich: das liefe auf eine Absprache zwischen uns hinaus, und zu so verteufeltem Zeug hatten wir, Simulation oder nicht, beide keine Befugnis.
Wahrscheinlich stimmte es zur reinen Lehre nicht einmal, daß ich Seit an Seit mit Poensgen auf den Fahrstuhl wartete, und sein leises Lächeln zeigte mir, er hatte von dieser Lehre gehört. Kaum senkte uns der Lift zur Verhandlungsebene hinunter, sagte er: Ich denke gerade, wenn es einmal diskret zugehen müßte, in so einer Kabine ginge es.
Ja, antwortete ich, am bestem unterm Schlitz vom Notrufmikrofon. Leider habe ich Platzangst und Höhenangst, und eine Perpendikularphobie habe ich noch dazu.
Davon steht gar nichts in meinen Unterlagen, sagte Poensgen, aber daß Sie so schwierige Wörter können, steht drin.

Hier wird natürlich nach der alten Rechtschreibung verfahren, was sich beim Schreiben recht seltsam anfühlte, neun Jahre nach Einführung der neuen Schreibweise. Die übrigens ab heute verbindlich gilt.

  1. Im Beschreibungstext steht Tochter, aber im Buch ist es seine Enkelin []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

2 Gedanken zu „Die Summe. Eine Begebenheit. Satire von Hermann Kant“

  1. Hay! Ganz zufällig bekam ich diesen Link auf Ihr Blog mit dem Eintrag über „Die Summe“. Ich lese Hermann Kant gern und freue mich immer, wenn jemand ein freundliches Wort zum Schreiber und zu seinen Schriften sagt. Falls Sie in meinem Blog blättern, werden Sie mehr dazu finden. 🙄

  2. Ich gebe es zu: Ich kann mich nicht von der alten Rechtschreibung trennen. Daher ein extra Dankeschön für den Artikel und den Hinweis zum Schluß (ähm … Schluss). 😉

    Hermann Kant kannte ich bislang nicht. Ich versuche mich ihm jetzt literarisch anzunähern.

    Gruß

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