Klimaschutz: Eine unbequeme Wahrheit? (Teil 3)

Passend zur deutschen Erstausstrahlung am Samstag auf Pro7 von An Inconvenient Truth werde ich meine Reihe über diesen Film abschließen. Im ersten und zweiten Teil habe ich mich weniger um den Film selber gekümmert, als um aktuelle Geschehnisse und Links zu Aktionen im Internet. Dieser letzte Beitrag konzentriert sich wieder stärker auf den Film und meine Kritik dazu.

Vorher aber noch ein Abschweifer zu ms jojodat, denn der Olli macht ernst und ist Live Earth Aktivist geworden und berichtet darüber. Vor allem das Interview ist absolut lesenswert.

Beim Recherchieren für diesen Beitrag bin ich auf einen hervorragenden Artikel (Myths and falsehoods about global warming) bei MediaMatters gestoßen. Der fasst alle Gegenargumente gegen den Film zusammen und gibt Antworten und Quellen, um diese zu entkräften.

Und kurz noch einmal ein Hinweis auf meine zugehörige Umfrage:

Ergebnis der Umfrage zum Klimaschutz

Hinweis: da das Umfrage-Plugin mittlerweile nicht mehr aktiv ist, ist hier ein Screenshot des Ergebnisses zu sehen

Wir verursachen den Klimawandel, oder?

Ein Zitat aus meinem letzten Beitrag:

Wenn man sich den Film anschaut und die Reaktionen im Internet verfolgt, bekommt man den Eindruck, dass der Klimawandel in den USA nicht als Fakt angesehen wird und es dort erst einmal darum geht, die Leute zu informieren und den Großteil der Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es sich hier um eine reale Gefahr handelt.

Um die Beweislast deutlich zu machen, wurden Resultate aus einer zum damaligen Zeitpunkt noch nicht veröffentlichten Studie verwendet[1]. Die Studie enthält Daten, die es erlauben, den CO2-Gehalt und die Lufttemperatur der letzten 650.000 Jahre anzugeben. Zum besseren dramatischen Effekt steigt Al Gore für die vorhergesagte Kurve (zwischen den gelben Punkten) auf eine Hubarbeitsbühne und lässt sich hochfahren zum „sicheren Ende der Menschheit“ (meine Prognose).

650 Tsd Jahre CO2-Konzentration

Dargestellt sind die Temperaturkurve (blau) und die CO2-Kurve (rot). Der untere gelbe Punkt ist markiert mit Today’s CO2-concentration und der obere gelbe Punkt mit Projected concentration after 50 more years of unrestricted fossil fuel burning. Wie man sieht, gab es in dieser Zeit zwar beträchtliche Schwankungen, aber die heutigen Werte liegen signifikant höher als die Werte der letzten 650.000 Jahre. Das spricht eine ziemlich deutliche Sprache!

Außerdem lässt sich nicht leugnen, dass Temperatur und CO2-Gehalt korrelieren. Dieser Zusammenhang wird genutzt, um zu zeigen, dass auch die Temperatur stark steigen wird, wenn der Kohlendioxid-Gehalt in den nächsten 50 Jahren weiter so steigt. Und dass als Konsequenz davon der Meeresspiegel um mehrere Meter steigen könnte. Dazu gibt es Szenarien, was dies für verschiedene Orte auf der Erde bedeuten würde. Der Ersteller dieses Videos wirft nun Al Gore vor, dass dies einerseits aus dem Kohlendioxid-Gehalt gar nicht abzulesen sei und dass andererseits „mehrere Meter“ viel zu hoch gegriffen sind. Meine Entgegnung dazu lautet, dass erstens der Zusammenhang klar sein sollte und zweitens auch andere Studien zum Schluss gekommen sind, dass wenn das gesamte Grönlandeis schmilzt (was ohne Klimaschutz-Maßnahmen in den nächsten Jahrzehnten passieren wird), der Meerespiegel so weit steigen wird.

In obigem Video wird weiter bemängelt, dass Katrina als dramatischer Effekt herhalten muss und dass die Terroranschläge vom 11. September heruntergespielt werden. Als Antwort möchte ich darauf verweisen, dass die Atlantische Hurrikansaison 2005 mehrere Rekorde aufstellte:

Schon frühe Anzeichen, wie etwa die hohe Wassertemperatur, deuteten auf eine äußerst aktive Saison hin. So bildeten sich insgesamt über 28 tropische Stürme. Dies stellt die aktivste Saison seit Beginn regelmäßiger Aufzeichnungen im Atlantikbasin dar. Zudem bildeten sich 15 Hurrikans in nur dieser einen Sturmsaison. Von diesen 15 haben sich sieben zu starken Hurrikans entwickelt, einer übertraf sogar den Rekord für den niedrigsten Zentraldruck seit Beginn der Aufzeichnungen 1950. Außerdem war 2005 die erste Hurrikansaison, in der der Vorrat an Hurrikannamen erschöpft wurde und zusätzlich griechische Buchstaben eingesetzt werden mussten.

Das Stichwort hohe Wassertemperatur verrät hier den Zusammenhang und es wurde ja auch schon länger davor gewarnt, dass die Anzahl und Stärke der Hurrikane zunehmen wird. Außerdem möchte ich meinen, dass ich das schon vor Ewigkeiten (ca. zehn Jahren) in der Schule gelernt habe und das heißt, dass es schon viel länger als wissenschaftlicher Fakt anerkannt und damit auch in den Lehrplan aufgenommen wurde.

Zum zweiten Vorwurf möchte ich aus dem Film zitieren

The area where the World Trade Center Memorial is to be located would be under water. Is it possible that we should prepare against other threats besides terrorists?!?

Dem zweiten Satz kann ich nur aus ganzem Herzen zustimmen und wenn ich den Hickhack um den Raketenschild in Europa bedenke, möchte ich dem guten Dubya (und Wladimir gleich mit) gehörig eins auf die Ohren geben.

Konsensus oder zweifelhaft?

Im Film wird eine weitere Studie (Journalistic Balance as Global Warming Bias) zitiert, in der Berichte in populären Medien daraufhin untersucht wurden, wie über globale Erwärmung berichtet wird. Als großes Problem wird gewertet, dass das Bemühen der Journalisten über beide Seiten zu berichten, eine Verzerrung hervorruft und einer kleinen Gruppe von Skeptikern unverhältnismäßig viel Gewicht verliehen wird:

From a total of 3,543 articles, we examined a random sample of 636 articles. Our results showed that the majority of these stories were, in fact, structured on the journalistic norm of balanced reporting, giving the impression that the scientific community was embroiled in a rip-roaring debate on whether or not humans were contributing to global warming.

More specifically, we discovered that:

53 percent of the articles gave roughly equal attention to the views that humans contribute to global warming and that climate change is exclusively the result of natural fluctuations.

Dem gegenüber gestellt wurden wissenschaftliche Artikel (peer reviewed papers). In einem Science Essay hießt es

The drafting of such reports and statements involves many opportunities for comment, criticism, and revision, and it is not likely that they would diverge greatly from the opinions of the societies‘ members. Nevertheless, they might downplay legitimate dissenting opinions. That hypothesis was tested by analyzing 928 abstracts, published in refereed scientific journals between 1993 and 2003, and listed in the ISI database with the keywords „climate change“.

The 928 papers were divided into six categories: explicit endorsement of the consensus position, evaluation of impacts, mitigation proposals, methods, paleoclimate analysis, and rejection of the consensus position. Of all the papers, 75% fell into the first three categories, either explicitly or implicitly accepting the consensus view; 25% dealt with methods or paleoclimate, taking no position on current anthropogenic climate change. Remarkably, none of the papers disagreed with the consensus position.

Offensichtlicher geht es nicht! Falls jemand gerne möchte, dass ich diesen Teil auf deutsch übersetze (einfach einen Kommentar schreiben), kann ich das gerne nachholen.Übersetzungen:

Von 5.543 Artikeln wurde eine zufällige Auswahl von 636 Artikeln untersucht. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Mehrheit dieser Artikel in der journalistischen Norm des balanzierten Berichts verfasst wurden. Dadurch wird der Eindruck vermittelt, dass in der Wissenschaft eine wahnsinnige Debatte tobt, ob die Menschheit zur globalen Erwärmung beiträgt oder nicht.

Das Verfassen solcher Berichte und Aussagen birgt viele Möglichkeiten für Kommentare, Kritik und Überarbeitung. Es scheint daher nicht wahrscheinlich, dass sie [die Berichte] stark von den Meinungen der Gesellschaftsmitgliedern abweichen. Nichtsdestotrotz könnten sie [die Mitglieder] abweichende Meinungen runterspielen. Diese Hypothese wurde getestet, indem 928 wissenschaftliche Artikel untersucht wurden, die zwischen 1993 und 2003 in von Gutachtern bewerteten Zeitschriften veröffentlicht wurden und in der ISI-Datenbank mit dem Stichwort „Klimaveränderung“ geführt werden.

Die 928 Artikel wurden in sechs Kategorien eingeteilt: explizite Befürwortung der Konsensmeinung, Bewertung der Auswirkungen, Entschärfungsvorschläge, Methoden, paläoklimatische Auswertung und Ablehnung der Konsensmeinung. Von allen Artikeln wurden 75% in die ersten drei Kategorien eingeordnet, entweder druch ausdrückliches oder indirektes Akzeptieren der Konsensmeinung. 25% handelten von Methoden oder vom Paläoklima, ohne eine Meinung zum von Menschen verursachten Klimawandel auszudrücken. Beachtenswert ist, dass keiner der Artikel mit der Konsensmeinung widerspricht.

Kritik: manchmal nicht zu Ende gedacht

Ein großer Kritikpunkt des Films sind die meiner Meinung nach öfter nicht zu Ende gebrachten Ausführungen. Man sitzt öfter da mit dem Gefühl, dass nach einer Aussage noch was kommen sollte, aber es geht mit einem anderen Thema weiter. Ich habe mir den Film mittlerweile viermal angesehen (zweimal mit Audiokommentar) und ich glaube nicht, dass ich relevante, aber in Nebensätzen versteckte Informationen überhört habe.

Ein Beispiel: Durch die Erwärmung sind auch ehemals mückenfreie Städte wie Nairobi von Malaria bedroht, denn die Erreger werden von der Anophelesmücke übertragen.

Mosquito-Höhe vor 1970
Mosquito-Höhe heute

Man beachte auch den Rückgang des Schnees auf dem Gipfel! Nun aber zum Kritikpunkt. Dem Zusammenhang hier kann man gut folgen. Dann aber werden plötzlich eine ganze Reihe Vectors for Emerging Infectious Diseases erwähnt. Soll man nun den Schluss ziehen, dass auch diese Erreger jetzt auf dem Vormarsch sind wegen der globalen Erwärmung?

An anderen Stellen möchte man einfach noch mehr zu einem bestimmten Punkt hören, weil es sich so anhört, als ob da noch was kommt. Ein Grund für das Gefühl, dass man öfter in der Luft hängengelassen wird, liegt vielleicht auch daran, dass man bewusst nur auf die Krise eingehen wollte und die Lösungen außen vor lassen wollte. Als Abhilfe werden viele Vorschläge im clever gemachten Abspann gegeben. Der Abspann ist übrigens auch erwähnenswert, weil währenddessen der oscarprämierte Song I need to wake up von Melissa Etheridge läuft (hier anhören).

Noch viel mehr könnte ich von dem Film berichten. Doch am besten schaut man sich den morgen selber an!

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Now playing: Melissa Etheridge – I Need To Wake Up
via FoxyTunes

  1. Siegenthaler, U, Stocher, TF, Monnion, E, Luthi, D, Schwander, J, Stauffer, B, Raynaud, D, Barnola, JM, Fischer, H & Masson-Delmotte, V, et al. Stable Carbon Cycle-Climate Relationship During the Late Pleistocene. Science. 310, 1313-1317. ((Abstract und FreeFull Text] []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

2 Gedanken zu „Klimaschutz: Eine unbequeme Wahrheit? (Teil 3)“

  1. Hallo,

    kannst Du die Ansätze unter „Konsensus oder zweifelhaft?“ bitte übersetzten, ich bräuchte dafür sehr viel Zeit… leider.

    Vielen Dank, auch für die Artikel an sich. Sie sind sehr gut.

Kommentare sind geschlossen.