Eine Bahnfahrt die ist lustig

Gerade habe ich eine interessante mehrstündige Bahnfahrt hinter mich gebracht. Mit dem modernen ICE ist das ja ganz angenehm. Zumindest die unbelebte Materie ist also positiv zu beurteilen. Bleiben noch die belebten Mitfahrer. Da trifft man ja immer wieder interessante Exemplare. Aber die Grenzen zwischen belebt und unbelebt verschwimmen da etwas, wenn man folgende Durchsage hört:

Der hintere Zugteil bitte mal beim Zugführer melden.

ICE in Dortmund

Nun aber zu den Menschen. Mein Nebensitzer war ein wirkliches seltsames Exemplar. Er trug Bermuda-Shorts mit Palmen-Sonnenuntergang-Optik (in knallgelb-orange!!!!) und nachdem er seine SMS-Korrespondenz erledigt hatte, fiel er in einen tiefen Schlaf. Und fing nach wenigen Minuten an zu Schnarchen. Und zwar lautstark und bei jedem Atemzug. Hätte ich in anstupsen und aufwecken sollen? Ich bin da in dieser Beziehung etwas schüchtern und habe es gelassen und meine Musik lauter gestellt. War sowieso nötig, da er seine Musik so laut hatte, dass ich die auch noch mitbekommen habe. Aber das ist ja ein bekanntes Phänomen. Zwischendurch ist er einmal hochgeschreckt und wurde von einer Mitreisenden informiert, dass er laut schnarche. Das schien ihn aber nicht weiter zu bekümmern und hat weitergeschlafen. Ganze anderthalb Stunden durfte ich das ertragen.

Damit gibt es seit heute für mich einen neuen Spitzenreiter bei den nervigsten Bahnmitfahrern. Dachte ich bisher, dass die Quasselstrippen, die einen krampfhaft vom Lesen abhalten wollen, schlimm seien. Oder die Telefonierer, die den ganzen Zug an ihrem Gespräch teilhaben lassen und die gesamte Mitfahrerschaft über intimste Details informieren. Ab heute weiß ich nun, dass die Extremschnarcher die Schlimmsten sind. Aber die sind wohl in jeder Situation nervig.

Im Zug trifft man natürlich auch sehr interessante Leute. Beim letzten Mal saß mir ein Robert DeNiro-Doppelgänger gegenüber. Der hatte sogar die gleiche Mimik und Gestik. Geradezu unheimlich. Er hat sich zum Schlafen seinen Schal um die Augen gebunden (Warum ist mir bis heute unklar), aber er ist nicht wirklich zum Schlafen gekommen, da alle paar Minuten eine SMS oder ein Gespräch ankam, die er alle sofort beantwortet hat.

Ein anderes Mal saß mir eine ältere Dame gegenüber, die krampfhaft auf ihren Koffer aufpasste. Sie erzählte, dass einmal ein junger Mann ihren Koffer stehlen wollte und sie ihn noch gerade so kurz vorm Ausstieg ein- und ihren Koffer zurückholen konnte.

Mittlerweile bin ich am Zielort angekommen und habe sogar das Glück, in einer Jugendherberge mit kostenlosem Wireless Lan untergebracht zu sein. So bin ich nicht ohne Internet. Keine Gefahr des Entzugs! Allerdings musste ich mich in den Fernsehraum begeben, da ich eine Steckdose für meinen akkulosen Laptop brauche. Und natürlich läuft der Fernseher und der einzige Zuschauer ist ein wenig schwerhörig. Gerade kommt die Tagesschau mit einem Bericht über die Bürgerschaftswahl in Bremen.

Aber ich schweife ab. Was ich sagen wollte: Bahnfahren ist immer wieder ein Erlebnis! In jeder Hinsicht, positiv und negativ. Vor allem die englischen Durchsagen sind auch immer wieder ein Grund zur Erheiterung. Da frage ich mich jedes Mal, ob es überhaupt Mitfahrer gibt, für die sowas nötig ist (knapp ein Jahr nach der Fussball-WM). Immerhin gibt es einen zweisprachigen Reiseplan und in jedem Abteil vorne und hinten eine Anzeige über den aktuellen Reisestand. Jemand, der des Deutschen nicht mächtig ist, wird mit den Durchsagen sowieso nicht viel anfangen können, da die Halteorte deutsch ausgesprochen werden. Das muss ein englischer Muttersprachler nicht unbedingt verstehen:

Ein Freund aus Schottland hat mir erzählt, wie er eine Reise durch Österreich und die Schweiz machte und mehrere Freunde und Bekannte besuchte. Er machte auch Zwischenstopp in Bregenz, wo er einen Tag verbrachte. Ein paar Tage später empfohlen ihm einige Freunde eine schöne Stadt, die er sich unbedingt auch mal ansehen sollte. Ja und als er ankam, merkte er, dass er schomal da gewesen war! Die deutsche Aussprache hatte bei ihm keine Assoziationen mit dem gelesenen Namen ausgelöst und so durfte er sich die Stadt zweimal ansehen.

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker