Meine Zahnarztodyssee

Wenn es nur immer so einfach wäre, seine Zahnschmerzen loszuwerden… Als ich vor zwei Jahren meine Diplomarbeit geschrieben habe[1], plagten mich auch öfters Zahnschmerzen. Ich habe wohl pro Monat eine Zehnerpackung ASS verbraucht. Und kaltes Essen und Fahradfahren im Winter war sehr unangehm. Als Gegenmaßnahmen bin mit krampfhaft geschlossenem Mund Fahrrad gefahren und habe nur noch auf einer Seite gekaut. Das ging sogar so weit, dass ich die Milch für meine Cerealien aufgewärmt habe, obwohl ich sonst Milch, die wärmer als Kühlschranktemperatur ist, verabscheue.

Warum habe ich es so lange rausgeschoben zum Zahnarzt zu gehen? Nun, die Geographie und die Bahnpreise haben es mir sehr schwer gemacht. Man muss wissen, dass ich lange eine völlig unbegründete Angst vor Spritzen hatte und mir jedesmal der Kreislauf abgesackt ist. Auch wenn ich nichts gespürt habe, es reichte schon der Gedanke und der Geruch und ich war kalkweiß und hatte Schweißausbrüche.

Das änderte sich, als ich einmal in Trier beim Praxiskollegen meines eigentlichen Zahnarztes war, weil der wegen eines Notfalls kurzfristig ausfiel. Und der Ersatzzahnarzt hat mich sozusagen geheilt. Ich bekam eine Spritze und hatte es nicht gemerkt. Und als er mir dann auch noch alle vier Weisheitszähne auf einmal zog und ich überhaupt keine Schmerzen hatte, war für mich klar, dass ich nur noch zu diesem Wunderheiler gehen werde.

Wie gesagt, die Praxis befindet sich in Trier und mein ständiger Aufenthaltsort Greifswald ist 15 Stunden/Regionalbahnen bzw. 10 Stunden/ICE davon entfernt. Also habe ich die Zähne zusammengebissen bzw. gerade nicht, sondern Schmerzmittel geschluckt. Jetzt könnte man einwerfen, dass das nun wirklich übertrieben ist. Aber ich habe in Greifswald über die Jahre öfter rumgefragt, ob jemand mir einen guten Zahnarzt empfehlen kann und habe nie eine positive Antwort erhalten.

So bin ich nach der erfolgreichen Beendigung meiner Diplomarbeit für ein paar Tage nach Trier gefahren – zum Feiern mit meiner Familie und um zum Zahnarzt zu gehen. Es war tatsächlich eine Wurzelbehandlung nötig. Aber der Wunderheiler behandelte mich in unter zwei Stunden und ich konnte endlich wieder kalte Milch trinken!!!

Doch leider hielt das nicht an, denn schon weniger Monate später plagten mich erneut schreckliche Schmerzen. Mir wurde die Absurdität meiner Situation allmählich bewusst und so habe ich mich in eine Greifswalder Praxis gewagt. Nach dem Einsatz eines mit flüssigem Stickstoff getränkten Wattebausches – und meinem Sprung an die Decke – war auch klar, welcher Zahn mir Schmerzen bereitete (diesmal die andere Seite) und die Behandlung konnte beginnen. Wieder war eine Wurzelbehandlung nötig.

Doch diesmal reichte eine einzige Sitzung von zwei Stunden nicht. Genau weiß ich es nicht mehr, aber ich war bestimmt fünfmal da und auch einmal in der Zahnklinik, weil die da ein besonders gutes Mikroskop haben. In der Zahnklinik wurde entdeckt, dass ich ein anatomisches Wunder bin, da ich einen vierten Wurzelkanal an einer sehr ungewöhnlichen Stelle habe. Nach einer dreiviertel Stunde Herumstochern (ohne Betäubung = jedes Mal Sprung an die Decke) war auch klar, dass der entzündet ist.[2]

Im Laufe der Behandlung wurden unzählige Röntgenaufnahmen gemacht, unzählige temporäre Füllungen und Spülungen gemacht. Und das Ganze zog sich über mehrere Monate hin. Das bedeutete auch mehrere Praxisgebühren und mehrere Privatrechnungen. Den krönenden Abschluss im wahrsten Sinne des Wortes bildete meine neue Krone. Die bekam ich mehr als ein halbes Jahr nach dem ersten Besuch!

Der optimale Weg für eine Wurzelbehandlung liegt sicherlich in der Mitte. Eine einzige Sitzung ist wohl zu wenig, da erst die Entzündung behandelt werden muss. Aber ein halbes Dutzend Sitzungen sind sicherlich auch übertrieben.

Hoffen wir, dass ich das in nächster Zeit nicht ausprobieren muss. Ich bin seit gut einem Jahr schmerzfrei und das soll so bleiben! Immer schön Zähne putzen und Zahnseide und Zahnspülung benutzen!!!

Und mein Tipp an Ronni: geh zum Zahnarzt! Je länger du es rausschiebst, um so länger wirst du was davon haben (im negativen Sinne).

  1. OMG schon soooo lange her und seitdem nix zustande gebracht! []
  2. Der Klinikaufenthalt war nicht nur wegen der betäubungslosen Behandlung erinnerungswert. Ich hatte außderm noch die ganze Zeit ein streng riechendes Latextuch im Mund und habe eine unglaubliche Menge Speichel produziert. Als ich dann damit zum Röntgen gelaufen bin (mit Nadel im Wurzelkanal) habe ich wahrscheinlich mit dem Latextuch im Mund und einem Papiertuch unterm Kinn einen sehr lächerlichen Eindruck gemacht. []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

4 Gedanken zu „Meine Zahnarztodyssee“

  1. Das hat allerdings den Nachteil, dass du dein eingebautes Zahnschmerz-Frühwarnsystem nicht nutzen kannst!
    Bzw. eigentlich ist es ja ein kurz-bevor-es-zuspät-ist-Warnsystem, das auch Zahnarztmuffel zum selbigen treibt 🙂

  2. Vielleicht hast du nur Zahnprobleme wegen der kalten Milch. Ich trinke nur warme Milch und hatte abgesehen von einer abgebrochenen Ecke noch nicht ein Problem.

  3. Nein, daran kann es nicht liegen. Ich trinke seit Jahren keine Milch mehr – die wird nur als Beilage zu den Cerealien verwendet. Früher, als ich noch bis zu 2l/d getrunken habe, hatte ich keine Probleme!

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