Bemerkungen zu und Zitate aus „The Ancestor’s Tale“

Um welches Buch geht es?

Über Ostern hatte ich das Vergnügen ein weiteres Buch von Richard Dawkins zu lesen. Der Untertitel von The Ancestor’s Tale[*] (dt: Gipfel des Unwahrscheinlichen. Wunder der Evolution[*]) Geschichten vom Ursprung des Lebens: Eine Zeitreise auf Darwins Spuren[*][1] lautet „A Pilgrimage to the Dawn of Evolution“. Und das Buch hält Wort. Der Titel und der Aufbau leitet sich von den Canterbury Tales ab[2].

Das Buch kann man wohl in die Rubrik „Populärwissenschaft“ einordnen, das teilweise vor komplizierten Sachverhalten und Fachausdrücken nicht zurückschreckt und wohl auch an manchen Stellen langatmig genannt werden könnte. Ich finde es durchgehend fesselnd und man merkt gar nicht, dass man eigentlich Systematik lernt. Damit ist es sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber man sollte beachten, dass noch viel mehr Themen als nur Evolution behandelt werden bzw. auf viele Details aufmerksam gemacht wird, die einen in Staunen versetzen. Als Argument gegen das Buch generell das „falsche Deutsch“ anzuführen (so gesehen in einer Amazon-Rezension), geht allerdings eindeutig zu weit: da kann der Autor nun wirklich nichts dafür. Viele hatten wahrscheinlich nicht das Glück Biologie und speziell Evolution auf so unterhaltsame Weise beigebracht zu bekommen und haben hier die Gelegenheit das nachzuholen. Ich dagegen hatte im Biologie-Leistungskurs (wo Evolution und Systematik Thema war) einen sehr guten Lehrer, der selber mit Spaß an der Sache dabei war. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mir das Buch so gut gefallen hat. Und einer der Gründe für die Wahl meines Studienfachs Biomathematik, wo Evolution mit ihren Abstammungsbäumen und der zugrunde liegenden Mathematik und Genetik ein großes Themengebiet ist.

Bloß nicht abschrecken lassen durch diese Ausführungen, dass das Buch nicht für Einen geeignet sei. Ok, ein bisschen Interesse am Thema sollte schon vorhanden sein, aber das Buch ist eben noch soviel mehr. Es ist mit vielen persönlichen Anekdoten und Meinungen gespickt. Das reicht von persönlichen Einschätzungen der Richtigkeit der Abstammungsbäume bis hin zu ausgewachsenen politischen Aussagen, wie die Zitate weiter unten zeigen. Daneben erfährt man auch einiges mehr oder weniger Biographisches über den Autor und über Professoren und Kollegen von ihm.

Das Buch ist relativ neu (veröffentlicht 2004) und versucht auch die neuesten Forschungsergebnisse mit einzubeziehen, um ein möglichst aktuelles Bild der Evolutionsgeschichte zu liefern. Das Buch ist sehr gut durchorganisiert. Man merkt, dass Dawkins sich genau überlegt hat, welche Themen er wann und wie behandelt. Es gibt viele Querverweise und Hinweise auf andere Bücher zum Weiterlesen. Dabei achtet er darauf, sich selber nicht zu wiederholen, d.h. wenn Themen in einem seiner früheren Bücher ausführlich behandelt wurden, geht er nur auf die nötigsten Dinge ein und verweist den Leser auf das andere Buch. Das kann man nun negativ als Eigenwerbung auslegen. Aber es gibt garantiert genug Leute, die einerseits schon das entsprechende Buch gelesen haben oder andererseits dadurch neugierig werden und das andere Buch noch lesen wollen. Auch für mich ist es das zweite Buch von ihm und sicherlich nicht das letzte.

Einen Autor, auf den er mehrfach verweist, ist Douglas Adams. Der ist natürlich hauptsächlich bekannt durch den HHGTTG, aber er war auch ein aktiver Umweltschützer und seines Zeichens großer Fan von Richard Dawkins. Sein Buch Last Chance to See[*] (dt: Die Letzten ihrer Art[*]) enthält seine Erlebnisse einer Weltreise zu verschiedenen aussterbenden Tierarten. Umwelt- und Artenschutz ziehen sich durch das gesamte Buch, eigentlich eine logische Konsequenz, wenn es um heute lebende und ausgestorbene Tierarten geht.

Warum gerade auf englisch?

Ich habe das Buch im englischen Original gelesen, was ich mir seit meinem Auslandsaufenthalt in Schottland zur Norm gemacht habe (für englischsprachige Bücher). Wer eine Sprache gut genug beherrscht oder gerade um seine Kenntnisse zu vertiefen, sollte die Gelegenheit nutzen Bücher im Original zu lesen[3]. Im vorliegenden Fall war dies allerdings teilweise nicht einfach, da das Themengebiet viele spezielle Wörter enthält, die einem im täglichen Sprachgebrauch nicht unterkommen. Und sie sind auch in gängigen Wörterbüchern nicht zu finden. Die meisten Tierarten, die ich nachschlagen wollte, tauchten weder im zweisprachigen Wörterbuch (mit 120.000 Stichwörtern) noch im einsprachigen (mit 155.000 Definitionen) auf. Das ist natürlich schade, aber durch die Beschreibung und Einordnung der Tiere weiß man schon, welche gemeint sind (z.B. teleoster sind die Knochenfische). Bei anderen würde einem auch die deutsche Übersetzung nicht helfen, z.B. habe ich im Internet gefunden, dass der aye-aye auf deutsch Fingertier heißt. Und bei verschiedenen Vogel- und Fischarten ist es (zumindest für mich) nicht wirklich relevant und welchen genau es sich denn jetzt handelt, ausgenommen man interessiert sich speziell für diese Tiergruppen, z.B. Ornithologen oder Angler.

Der „Rest“ des Buches ist gut verständlich und deshalb empfehle ich, das Buch auf englisch zu lesen. Dawkins macht einige Male Gebrauch von den Eigenheiten der englischen Sprache und sowas kann bei der Übersetzung verloren gehen. Er betont z.B. die Unterschiede und den richtigen Gebrauch von ape und monkey. Das wird auf deutsch zu Menschenaffe und Affe, einem Unterschied, dem hierzulande keine so große Bedeutung zugewiesen wird.

Die Zitate

Hier gibt es jetzt keine Zusammenfassungen zum Inhalt, das wäre ja langweilig. Stattdessen habe ich einige Zitate ausgewählt, die mir sehr gut gefallen haben, weil sie direkt, ehrlich und witzig sind und größtenteils mit meinen Meinungen übereinstimmen. Wer die deutsche Ausgabe zur Hand hat und die Übersetzungen beisteuern möchte, ist herzlich willkommen dies zu tun.

Im General Prologue schreibt er in einer Fußnote zur „Rundheit“ der Zehnerpotenzen und der Konvention, solche runden Zahlen als Grenzen zu verwenden:

If we had eight (or sixteen) fingers, we’d think naturally in octal (or hexadecimal) arithmetic, binary logic would be easier to understand, and computers might have been invented much earlier.

Sehr interessante Behauptung, deren (Versuch der) Beantwortung wahrscheinlich eine komplette wissenschaftliche Arbeit füllen könnte und zahllose Experimente erfordern würde.

Dawkins wenig positive Meinung der aktuellen amerikanischen Regierung (das Buch ist von 2004) lässt er mehrfach durchscheinen. Sehr deutlich drückt er sein Missfallen im Kapitel The Pilgrimage Begins, Abschnitt The Farmer’s Tale aus. Dort geht es um das Land zwischen Euphrat und Tigris:

This is the cradle of human civilisation whose irreplacable relics in the Baghdad Museum werde vandalised in 2003, under the indifferent eyes of American invaders whose priorities led them to protect the Ministry of Oil instead.

Richtig persönlich wird er im Kapitel New World Monkeys, Abschnitt The Howler Monkey’s Tale, als er zu nuklearen Erstschlägen abschweift:

We came awfully close in 1963, and that was with an intelligent president.

Im Kapitel The Great Cretaceous Catastrophe geht es um den Meteoriten, der vor 65 Mio Jahren einschlug und das Aussterben der Dinosaurier verursachte. Laut Dawkins ist die Wiederholung einer solchen Katastrophe nicht unwahrscheinlich und er fordert, dass man Technologien für den Ernstfall entwickeln sollte. Allerdings wären seiner Meinung nach unterirdische Bunker nicht so vorteilhaft, da nur „privilegierte Menschen“ dort hineindürften und das nun wahrlich ein politischen Problem wäre. Sein Alternativvorschlag, der gleichzeitig die derzeitigen politischen Probleme lösen würde:

Better would be to develop so far only dreamed-of technologies to avert the catastrophe by diverting or destroying the intruder. Politicians who invent external threats from foreign powers, in order to scare up economic or voter support for themselves, might find that a potentially colliding meteor answers their ignoble purpose just as well as an Evil Empire, an Axis of Evil, or the more nebulous abstraction ‚Terror‘, with the added benefit of encouraging international co-operation rather than divisiveness.

Das ist doch mal eine klare Aussage! Obwohl ich bezweifle, dass sie auch nur ansatzweise die Chance einer Umsetzung hat.

Zu seinen „Lieblingsfeinden“ gehören sicherlich auch die Kreationisten, die mehrfach persönlich angesprochen werden. Dieser Seitenhiebe konnte er sich wohl aufgrund früherer Erfahrungen nicht enthalten. Folgende Formulierung findet sich im Kapitel All Humankind, Abschnitt Eve’s Tale:

The mitochondrial MRCA of all humanity, which pinpoints the ‚people‘ common ancestor in the all-female line, is sometimes called Mitochondrial Eve – she whose tale this is. And of course the equivalent in the all-male line might as well be called Y-chromosome Adam. All human males have Adam’s Y Chromosome (creationists refrain from deliberate misquotation).

Wer mehr über das Thema wissen möchte, der sei auf den Artikel Evas Rippe in spektrum direkt verwiesen. Wichtig zu erwähnen ist vielleicht noch, dass die beiden sich nie über den Weg gelaufen sind, da mt-Eva vor ca. 143.000 Jahren lebte und Y-Adam vor ca. 59.000 Jahren.

Doch weiter gegen die Evolutionsgegner. Etwas später heißt es im Kapitel Gibbons zur Monogamie dieser Menschenaffen in einer recht beißenden Fußnote[4]:

Perhaps the good old-fashioned family values of the gibbons, and the pious hope that our evolutionary ancestors once shared them, should be drawn to the attention of the right-wing ‚moral majority‘, whose ignorant and single-minded opposition to the teaching of evolution endangers educational standards in several backward North American States. Of course, to draw any moral would be to commit the ’natural fallacy‘ but fallacies are what these people do best.

Nun ein Zitat, dass sicherlich im Deutschen sehr viel verliert. Es findet sich im Kapitel Archaic Homo sapiens und es geht – wie det Titel vermuten lässt – um die frühen Menschen, deren Einteilung in Gattungen, Arten und Unterarten nicht immer eindeutig ist. Deshalb werden die Hominiden der Einfachheit halber in die drei verenglischten Gruppen ‚Moderns‘, ‚Archaics‘ und ‚Erects‘ eingeteilt. Doch auch hier kann es wieder Verwirrung geben, wenn man nicht aufpasst:

Don’t be confused, incidentically, by the fact, that the Erects were even more archaic (with a small a) than the Archaics (with a large A), and that all three types were erect with a small e.

Hier würde mich wirklich die deutsche Übersetzung interessieren. Kann da jemand aushelfen?

Zur Abwechslung ein witziges Zitat aus dem Kapitel Gorillas, in dem es um den erst „vor kurzem“ ausgestorbenen asiatischen Menschenaffen Gigantopithecus geht:

This is so recent that some enterprising fantasists have gone so far as to suggest that the Yeti or Abominable Snowman of the Himalayas…but I digress.

Trockener zu geht es im Kapitel Lemurs, Bushbabies and their Kin, Abschnitt The Aye-Aye’s Tale[5], wo es zu Madagaskar heißt:

It is a natural botanical and zoological garden, which houses about five per cent of all the plant and animal land species in the world, more than 80 per cent of them being found nowhere else. Yet, notwithanding this astonishing richness of species, it is also remarkable for the number of major groups that are totally absent.

Diese Aussagen brachten mich auf die Idee, dass es sicherlich schön wäre, dort einmal hinzufahrenfliegen und sich das anzusehen. Vor allem, da es sicherlich irgendwann einmal zu spät sein kann/wird. Aber auf der anderen Seite ist ja gerade das Fliegen das Beste, was man tun kann, um die Artenvielfalt weiter zu dezimieren. Also dann doch nicht…

Und hier ein Beispiel wie er trockene Fakten witzig verpackt. Im Kapitel Rodents and Rabbitkind erfahren wir (wieder mal) in einer Fußnote etwas über naked mole rats (Nacktmulle):

I use ‚worker‘ advisedly, for the naked mole rats are further remarkable in being the nearest approach to social insects that the mammal world has to offer. They even look a bit like oversized termites – extraordinarily ugly by our standards, but they themselves are blind so they presumably don’t care.

Um dem zuzustimmen, braucht man sich nur das Bild im Wikipedia-Artikel anzuschauen…

Weiter im Buch, wo im Kapitel Mammal-like Reptiles der Begriff Herpetologie (von griechisch herpeton = kriechendes Ding) erklärt wird:

Yet another informal grade name, favoured by American zoologists, is ‚herp‘. Herpetology is the study of reptiles (except birds) and amphibians. ‚Herp‘ is a rare kind of word: an abbreviation for which there is no long form. A herp is simply the kind of animal studied by a herpetologist, and that is a pretty lame way to define an animal.

So könnte das noch seitenlang weitergehen. Aber hoffentlich habe ich genug Leute inspiriert, das Buch selber zu lesen. Es lohnt sich!

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  1. Der ursprünglich genannte deutsche Titel ist der von Climbing Mount Improbable. Dank an Yvonne, die mich darauf hinwies! []
  2. Erzählung von Geoffrey Chaucer aus dem 14. Jahrhundert: einige Pilger treffen sich, um gemeinsam nach Canterbury zu pilgern. Jeder der Pilger-Charaktere erzählt seine Geschichte. []
  3. Man kann es allerdings auch hier übertreiben, wie eine Frau, die ich Kanada getroffen habe: sie lernt hebräisch, weil sie die Bibel im Original lesen möchte. Damit kann sie allerdings nur das Alte Testament lesen, denn das Neue Testament wurde in altgriechisch verfasst. Leider habe ich versäumt, sie zu fragen, ob sie das auch noch lernen will. []
  4. Überhaupt hat das Buch sehr viele Fußnoten. Mir kam es so vor, als ob es auf jeder zweite oder dritten Seite mindestens eine Fußnote gibt. []
  5. Bei bushbaby und aye-aye versagten meine Wörterbücher, aber in den Tiefen des Internets findet man heraus, dass die deutschen Entsprechungen Buschbaby und Fingertier sind. Es hatte also einen Grund, warum die Wörterbücher die Begriffe ignoriert haben. []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

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