Sylt statt Seychellen

unterwegs In der aktuellen Klimadebatte um die Reduzierung des CO2-Ausstoßes gibt es den Vorschlag, doch seinen Urlaub lieber in Deutschland zu verbringen, also auf Sylt statt auf den Seychellen. Auch in Deutschland gebe es viele schöne Regionen zu entdecken[1].

Die Vorteile dieses Vorschlags liegen auf der Hand. Sylt statt Seychellen bedeutet

  • sehr viel weniger CO2-Emissionen,
  • günstiger (der Flug ist oft der größte Einzelposten bei einer Urlaubsreise),
  • weniger zeitaufwändig (begrenzt, da eine Auto- und/oder Fährfahrt zum Urlaubsort ebenfalls sehr lange dauern kann),
  • schöne Ecken in Deutschland zu entdecken (die es ja wahrlich gibt),
  • der regionale Tourismus wird gestärkt, d.h. die Wirtschaft in Deutschland.

Ende Januar brachte BBC ein Special über das Thema mit dem Titel Should I Really Give Up Flying. Dabei war auch ein Bericht einer jungen Frau, die zum Schutz der Umwelt nicht mehr fliegen möchte und deshalb zu einer Hochzeit in Australien nicht abgehoben ist (Gone to ground). Im Ergebnis hat sich auch tatsächlich nur 60% der CO2 eines Fluges verbraucht (1,65 Tonnen statt 2,7 Tonnen). Allerdings hat es sie auch mehr als viermal so viel gekostet (2000 GBP statt 450 GBP) und sie hat 49 mal so lange gebraucht (51 Tage statt 25 Stunden). Die Frau hält sich wirklich an ihre Vorsätze! Aber nicht alle sehen das so. Die BBC startete auch eine Umfrage, wer aus Umweltgründen evtl. das Fliegen aufgeben würde und jeweils die Hälfte entschieden sich dafür bzw. dagegen.

Auch ich bin mir nicht ganz schlüssig, denn einerseits möchte man umweltfreundlich sein, andererseits kann und möchte man das Fliegen nicht immer vermeiden. Vor weniger als einem halben Jahr, war ich noch Stolz auf meinen geringen ökologischen Fußabruck (siehe Beitrag), aber seitdem bin ich schon einmal über den großen Teich geflogen (nach Baltimore) und nächste Woche werde ich erneut fliegen (nach Kanada). Zufällig war der Bundesvorsitzende der Grünen Bütikofer auf demselben Flug.

Als Alternative gibt es das Projekt atmosfair

Nicht immer können oder wollen Sie auf einen Flug verzichten – auch wenn klar ist, dass jeder Flug zur Klimaerwärmung beiträgt. Wenn Sie Verantwortung für die Folgen Ihres Handelns übernehmen wollen, haben wir jetzt ein Angebot für Sie: atmosfair.

Passagiere zahlen freiwillig für die von Ihnen verursachten Klimagase. Das Geld wird zum Beispiel in Solar-, Wasserkraft-, Biomasse- oder Energiesparprojekte investiert, um dort eine Menge Treibhausgase einzusparen, die eine vergleichbare Klimawirkung haben wie die Emissionen aus dem Flugzeug. Finanziert werden Projekte in Entwicklungsländern. Ihr Geld trägt dazu bei, diese Projekte zu ermöglichen.

Dort gibt es Informationen zum Vermeiden von Flugreisen, Reiseanbieter, die die Aktion unterstützen und auch einen Emissionsrechner, wenn man den fliegen muss/möchte (Emissionsrechner als PDF). Ich habe das mal für meine Reise nächste Woche nach Toronto ausgerechnet und bekam folgendes Ergebnis:

Die Emissionen einer Person auf einem einfachen Flug von „Berlin Tegel“ über „London – Heathrow“ nach „Toronto – Lester B. Pearson“ entsprechen der Klimawirkung von etwa 270 kg CO2 (Startflughafen-Umsteigen) und 1960 kg CO2 (Umsteigen-Zielflughafen), insgesamt auf Hin- und Rückflug etwa 4460 kg CO2.

Damit liege ich allein mit diesem Flug über dem klimaverträglichen Jahresbudget eines Menschen von 3000 kg CO2. Um diesen Flug abzugelten müsste ich 90 Euro spenden. Wenn ich auch noch den Flug nach Baltimore hinzufüge, kommen weitere 4300 kg CO2 hinzu. Das ist weniger, obwohl der Flug länger ist, seltsam. Jedenfalls würden hier weitere 86 Euro anfallen.

Das macht allein für mich in sechs Monaten fast 9000 kg C02, d.h. in einem halben Jahr habe ich das dreifache des Jahresbudgets verflogen. Also das gibt einem zu Denken! Ich werde auf jeden Fall etwas spenden. Man kann entweder den vollen Betrag, die Hälfte oder auch einen selbst vorgegebenen Prozentsatz spenden. Dabei kann man wählen, ob per Lastschrift, Rechnung oder Kreditkarte. Und man bekommt auf Wunsch eine Spendenbescheinigung. Da wird einem der Klimaschutz doch leichtgemacht!

Andererseits ist das nicht nur Gewissensberuhigung? Man spendet für Umweltprojekte, doch das könnte man auch ohne Flugreise tun und so gleich doppelt etwas für den Klimaschutz tun.

Update: Ich habe die Quellen für die Zitate gefunden. Sie stammen aus einem Artikel in der Süddeutschen. Renate Künast sagte „Es gibt viele wunderbare Ferienregionen in Deutschland, die es zu erkunden lohnt.“ „Und der will, sollte Flugreisen vermeiden und in Deutschland Urlaub machen“, sagte der Tourismus- und Klimaexperte des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Manfred Stock formulierte das titelgebende Zitat gegenüber der Berliner Zeitung. Er sagte „Sylt statt Seychellen: Wer etwas für den Klimaschutz tun will, sollte Flugreisen vermeiden und in Deutschland Urlaub machen.“

Und das Projekt atmosfair schaffte es gestern sogar in die Tagesschau (3. Beitrag).

  1. Das Zitat stammt wahrscheinlich von Renate Künast, genau kann ich es aber nicht bestätigen. Gehört habe ich es im Radio, im Internet konnte ich keine Quellen finden. []

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker

Ein Gedanke zu „Sylt statt Seychellen“

Kommentare sind geschlossen.