Was ist so falsch an „zwanzig nach“?

Ich bin ein großer Fan von den Uhrzeitbezeichnungen „Viertel“ (= viertel nach) und „Dreiviertel“ (= viertel vor), weil ich das ganz einfach für logisch halte: Viertel → Halb → Dreiviertel → Ganz (= um).

Als Nebenbemerkung: das wird oft als Grund für Verständigungsschwierigkeiten von Ost und West genannt (es gab letztes(?) Jahr einen Artikel in der Print-Ausgabe des Neon-Magazins; hab ich beim Arzt gelesen). Aber diese Bezeichnungen sind auch in Süddeutschland gebräuchlich. Bei Wikipedia zur Begriffserklärung Viertel heißt es:

Eine Zeitbezeichnung vor allem im süddeutschen (Baden, Franken, Schwaben, Kurpfalz, Pfalz, Österreich) und ostdeutschen Sprachraum. Zum Beispiel Viertel Sechs = Ein Viertel der sechsten Stunde (5:15 oder auch 17:15), aber auch Dreiviertel Sechs = Viertel vor Sechs (5:45); verbreiteter, aber eben nicht in dem genannten Sprachraum: Viertel nach sechs = Viertel Sieben (6:15).

Und da ich von meinen knapp 27 Jahren mehr als 15 Jahre in Baden, Schwaben oder Ostdeutschland verbracht habe (= 56 %), kann ich gar nicht anders als „Viertel“ und „Dreiviertel“ zu sagen…

Mein erster Kontakt mit diesem Uhrzeitkonstrukt war im zarten Alter von sieben Jahren. Wir waren gerade vom Ruhrgebiet an den Neckar gezogen und ich war bei einer neuen Freundin. Meine Mutter hatte mir eingeschärft, dass ich an diesem Tag unbedingt um halb sechs zu Hause sein müsse. Also erkunigte ich mich beim Vater meiner Freundin nach der Uhrzeit. Der gab als Antwort „Viertel sechs“. Oh da bin ich aber nach Hause gesaust und war noch überraschter als meine Mutter, als ich erfuhr, dass ich mehr als pünktlich zu Hause war.

Worauf ich aber eigentlich hinaus will: es ist oft auch üblich die berüchtigte Bezeichnung noch weiter zu strapazieren und dann „fünf nach Viertel“ statt „zwanzig nach“ zu sagen, oder sogar „zehn vor halb“. Das ist jeweils ein Wort mehr und somit viel komplizierter! Wie gesagt, ich bin ein Verfechter von Einfachheit und Logik. Und vor allem Radiomoderatoren entwicken ungeahnte Kreativität im Umgang mit Uhrzeitbezeichnungen. Obwohl doch ein einfaches „Es ist ca zwanzig nach X“ in 99,9% der Fälle genügt (vorausgesetzt es ist tatsächlich gerade plus minus zwanzig nach X, ansonsten gibt es im fünf-Minuten-Abstand einfache und logische Benennungen der Uhrzeit). Wenn jemand die Uhrzeit auf die Sekunde genau wissen möchte/muss, soll er sich eine Funkuhr anschaffen!

Fiel mir nur gerade ein und musste das mal loswerden. Aber wo wir grad beim Thema sind: vor ziemlich genau einem Jahr hat Flash dazu eine Umfrage gestartet!

Verspätetes Update: Beim Hans habe ich einen Link entdeckt, der mich zu Norddeutsche lernen die Uhr zu lesen brachte. Dort gibt es eine Umfrage zum Gebrauch der Uhrzeiten und eine Karte mit den Ergebnissen. Man sieht deutlich die Dreiviertel-Neigung im Osten und Süden.

Veröffentlicht von

juliaL49

Wilde Mischung aus musikinteressiertem Konzertbesucher, fernsehbegeistertem Whovian, radfahrendem Läufer, fotografierendem Atheisten und ausgewandertem Bioinformatiker